328 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes LKapitel.
leidenschaftliche Anteilnahme an den Dingen vornehmlich auch
des politischen wie des sozialen und wirtschaftlichen Werdens:
war der Sinn für Entwicklung überhaupt, wie sie sich
nirgends deutlicher als auf den genannten Gebieten zu zeigen
oflegt.
In dieser geistigen Verfassung hatte man auch noch die
französische Revolution hingenommen. Keine Frage, daß sich
anfangs ziemlich weitgehende Kreise für sie begeistert hatten:
aber was zutage trat, war nicht so sehr innerliches Interesse
für den Emanzipationsvorgang eines großen Nachbarvolkes,
ein Interesse etwa gar, das gefesselt und angesteckt hätte, als
ein reger Sinn für das Wesen einiger Ideen, die sich im Ver—
laufe der ersten Ereignisse Bahn zu brechen schienen: von
Ideen, denen man auch in Deutschland schon im Bereiche des
Denkens nahegetreten war. Und so war denn dieser amor in-
tellectualis vornehmlich auch nur in den akademischen Kreisen
verbreitet, um übrigens selbst hier nach kurzer Frist, unter der
Kunde von der sengenden Hitze der eigentlich revolutionären
Vorgänge, zu verdorren.
Als dann die französische Entwicklung, eine notwendige
Folge fast der furchtbaren Entzündung des heimischen poli⸗
tischen Lebens, sich in jähen Explosionen und Lavaströmen
nach außen ergoß und mit am frühesten eben Deutschland in
Mitleidenschaft zog, da begegnete man im Reiche auch dann
noch kühler Betrachtung und dem Mangel an innerlicher
Aufnahmefähigkeit der Ereignisse. Die Erscheinung war so
erstaunlich, daß sie die Regierenden erschreckte; man glaubte
daher von dieser Seite auf dem Wege durch die Presse für
eine leidenschaftlichere Auffassung sorgen zu müssen. Allein eine
fast apathische Ruhe der Betrachtung blieb gleichwohl selbst den
Besten der Nation. „Man wird auf deutschem Boden kanto⸗
nieren“, schreibt Schiller am 26. November 1792 an Körner,
„und wer weiß, ob es nicht die Franzosen auch dazu bringen;
seitdem ich den ‚Moniteur? lese, habe ich mehr Erwartungen
von diesen“: und kein Wort der Entrüstung über das was