Die Freiheitskriege: 1809, 1818.
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wir Beschimpfung deutscher Ehre und Entheiligung deutschen
Bodens nennen würden, kommt dabei über seine Lippen.
Als dann die französischen Geschicke sich weiter vollendeten
und aus der Zertrümmerung der Parteien und der Zerstörung
des Gemeingeistes der Imperator hervorging, als das eigene
tausendjährige Reich in Trümmer stürzte, da vernahm man in
Deutschland wohl Stimmen des Staunens und der Entrüstung:
aber aus tiefster Seele kamen auch sie nicht, und sie wurden
gegengewogen durch Meinungsäußerungen ganz anderer Art,
Toöͤne der Bewunderung für Napoleon und des Spottes über
deutsche Zustände.
Im ganzen ging eben die politische Empfindung bis
gegen das Ende des ersten Jahrfünftes des 19. Jahrhunderts,
wenn nicht vielfach darüber hinaus sozusagen noch nicht aus
der Unmittelbarkeit der Dinge selbst hervor.
Es ist eine im Grunde doch leicht verständliche Er—
scheinung. Man darf unmittelbaren Zeitgenossen überhaupt
nur eine begrenzte Einsicht und sogar Empfindungsfähigkeit
gerade für große politische Ereignisse zutrauen: denn diese
haben häufig nichts äußerlich Elementares an sich und greifen
mit den Wurzeln ihrer Verursachung sehr willkürlich und ihrer
Motivation nach schwer verständlich in den Boden der Ver⸗
gangenheit. Wie lange haben 3. B. nicht reine und edle
Seelen unter den Deutschen in Ludwig XIV. den zweiten
Karl den Großen gesehen, der das alte Reich der Ost⸗ und
Westfranken erneuern werde: bis ihnen Mélacs Mord⸗
zrennerei die Augen öffnete! So hat es auch um 1800 und
noch um 18085, ja bis 1810 und 1812 zahlreiche deutsche Be—
wunderer Napoleons gegeben; und wo von ihnen, wie z. B.
bon Goethe, nur die singuläre Bedeutung des Mannes, ab⸗
zesehen von der Umwelt der Ereignisse, ins Auge gefaßt
wurde, hat diese Bewunderung sogar die Freiheitskriege von
1813 üͤberdauert. Freilich bleibt es dabei bezeichnend, daß
sich eine solche Stimmung in dieser Zähigkeit zumeist doch
nur auf dem Gebiete der Rheinbundstaaten erhielt, vor allem