Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Freiheitskriege: 1809, 1815. J 331 
mittelbar eine Stärkung des historischen Sinnes zur Folge 
haben mußte. Aus diesem Zusammenhange her erklärt sich 
jenes Aufblühen der geschichtlichen Auffassung, das vornehm⸗ 
lich von Herder ausging; und aus ihm auch die Blüte des 
historischen Dramas. In diesem Drama aber, unter vor—⸗ 
gestellten Umständen also, deren Fiktion allein Affekte zu er⸗ 
eugen geeignet war, kam es dann wirklich zur vorübergehen⸗ 
den Entwicklung jener Eigenschaften, die man dem Verlaufe 
der politischen Ereignisse der Gegenwart hätte entgegenbringen 
müssen, zur Geburt von Pathos und Patriotismus. Schiller, 
in so vielem der unmittelbare Lehrer seiner Zeit, war ihr 
auch auf diesem Gebiete der größte Führer: und wer ver— 
mochte zu sagen, in wie kurzer oder langer Zeit die glühende 
Vaterlaudsliebe der „Jungfrau von Orleans“ und der er— 
fahrene Patriotismus eines Attinghausen sich aus der vor— 
gestellten Welt des Dramas heraus in die deutschen Gemüter 
der Gegenwart befruchtend ergießen werde? 
Aber in den letzten hohen Zeiten des Idealismus begann 
neben der Dichtung, mit ihrer politischen Potenz mehr als 
Wirkung, noch eine andere, scheinbar noch abstraktere Macht 
die Nation immer mehr zu beherrschen: die Philosophie. Und 
hald war sie sogar die Siegerin; die Zahl der neu erscheinen⸗ 
den philosophischen Schriften verhielt sich jetzt zu der der 
historischen und dichterischen Erscheinungen wie drei zu zwei. 
Dabei blieben selbst die abstraktesten Philosopheme nicht bloß 
Eigentum der philosophischen Zunft. In der dritten seiner 
Vorlesungen einer „Anweisung zum seligen Leben“, die Fichte 
im Jahre 1806 vor einer gemischten Versammlung hielt, bei 
der auch Frauen und Geschäftsleute vertreten waren, sprach 
der Philosoph vom „Sein“ und vom „Dasein“, vom „Sein“ 
als einem in sich Verschlossenen, Verborgenen, und vom „Da⸗ 
sein“ als einer Offenbarung dieses „Seins“. Diesen Unter⸗ 
chied aber setzte er als nur für uns vorhanden, als nicht vor— 
handen dagegen im göttlichen Sein: denn das absolute Sein 
oder Gott sei schlechthin und unmittelbar durch und von sich.
	        
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