Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

20 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
und Ausübung auf keine Art gesehen“; man betreibe die Ge— 
schäfte handwerksmäßig; man glaube genug getan zu haben, 
wenn man die Kassation vermeide. Natürlich waren diese 
Zustände der Nährboden eines üppigen Bureaukratismus. In 
Hsterreich mußte eine Eingabe, die an die Hofkammer gelangte, 
durch mindestens fünfundachtzig Hände, in verwickelteren Fällen 
sogar durch mehr als hundert Hände gehen, bevor sie erledigt 
wurde. 
So waren denn die Zustände an den Höfen und in der 
Verwaltung an vielen Orten derart, daß sich der Adel, zum 
Teil auch schon unter der Einwirkung des neuen Geisteslebens 
und frischerer sittlicher Regungen, von beiden zurückzog, auf 
seine Güter ging und wiederum häuslich wurde. 
Dies um so mehr, als es auch im Heeresdienst zumeist 
nicht viel besser aussah. Die kleinen Heere, im Verhältnis zu 
den Kräften den Landesherren allerdings oft noch viel zu groß, 
waren in zahlreichen Städten disloziert, die Reiterei lag sogar 
oft in dörflichen Garnisonen des platten Landes. Die Sol⸗ 
daten, die ein Handwerk verstanden, arbeiteten als Meister in 
Konkurrenz mit den Zunften; im übrigen herrschte die trost⸗ 
lose Einförmigkeit eines im Grunde gänzlich zwecklosen 
Garnisonlebens: vom Aufsperren der Tore am Morgen durch 
den Wachtdienst hindurch bis zum Zusperren derselben Tore 
am Abend; und nur die zumeist sehr harmlose Gemütlichkeit 
des ganzen Daseins machte es den Mannschaften erträglich. 
Die Offiziere aber lebten häufig gar nicht bei der Truppe, 
sondern sonst irgendwo in vornehm erscheinendem Müßig⸗ 
gang. 
War da nicht die leidenschaftliche Sprache des jüngeren 
Moser zu verstehen gegen die lässigen und doch von fürstlicher 
Hoheitssucht aufgeblähten angeblichen Landesväter, und wenn 
hir den Blick rückwärts schweifen lassen bis zu den finan⸗ 
ziellen Praktiken der Subsidiengelder und des Soldatenverkaufs, 
fein harter Vorwurf gegen Fürsten, die ihre eigenen Kinder 
um fremdes Geld erwürgen? Einem fremden Beobachter 
abher, der zwar etwas besseren, aber doch verwandten west⸗
	        
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