Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

22 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
die Gesellschaft nicht als an sich verderbt an, sondern nur als 
durch städtische Kultur, überhaupt Unnatur entnervt; Rousseau 
wirkte in dieser Hinsicht stark ein; und so kam man zu keiner 
eingehenden und zerfasernden Kritik etwa des schlechten Ein— 
flusses der bestehenden spolitischen Zustände auf die Nation, 
sondern nur zu allgemeinen Außerungen des Mißvergnügens 
und zum enthusiastischen Ausmalen einer entgegengesetzten, aber 
ganz undeutlich gesehenen, rein idealistischen Staatswelt. 
Nicht als ob deshalb ein praktisches Einwirken so ganz gefehlt 
hätte. Aber es erschöpfte sich im kleinsten: in der Fürsorge 
für den Nachbarsmann, und verlief im wesentlichen nur nach 
dem kräftigen, aber nun doch schon Jahrhunderte alten Spruche 
Luthers: „Verflucht und verdammt ist alles Leben, das ihm 
selbst zu Nutz und zu gut gelebt und gesucht wird, verflucht 
alle Werke, die nicht in der Liebe gehen.“ Würde Goethes 
„Werther“ nicht diese Worte mit inniger Zustimmung unter⸗ 
schrieben haben? Und ist er nicht, trotz weit überwiegender 
Beschäftigung mit sich selbst, in ihrem Sinne tätig? Es war 
ein Zusammenhang, in welchem die neue Gesellschaft noch mit 
dem Denken des Rationalismus zusammentraf; mit Vergnügen 
hätte sie neben Luthers Spruch auch Gellerts Verse zitieren 
können: 
Mensch, mache dich verdient um andrer Wohlergehen, 
Denn was ist göttlicher, als wenn du liebreich bist 
Und mit Vergnügen eilst, dem Nächsten beizustehen, 
Der, wenn er Großmut sieht, großmütig dankbar ist! 
In der Tat liegt in dieser Richtung das einzige ganz 
positive Ergebnis der politischen', sagen wir besser: allgemein 
altruistischen Bestrebungen der Empfindsamkeit und des Sturmes 
und Dranges. Es ist die Entstehungszeit der patriotischen 
Gesellschaften zur sozialen Fürsorge und geistigen Hebung 
innerhalb zunächst begrenzter Wirkungskreise, vornehmlich inner⸗ 
halb der einzelnen · Bereiche der größeren Städte. Und wohl 
aur selten hat man dabei, vielleicht in etwas späterer Zeit, 
daran gedacht, daß aus diesen Gesellschaften Organe einer 
Kontrolle oder gar Beschränkung der bestehenden Staatsgewalten
	        
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