Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

386 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel. 
die die Nation schon der seelischen Voraussetzungen eines Ab⸗ 
falls beraubte. Welche Wandlungen und Wendungen unter 
diesen Umständen selbst für einen der größeren, ja den größten 
Staat noch möglich waren, das hat nichts besser als die Ge— 
schichte Osterreichs in dem traurigen Jahre 1810 gezeigt. 
In Osterreich regierte damals schon Metternich; der Ein— 
fluß der Erzherzöge auf den Kaiser nahm ab, um von dem 
schlauen Grafen bald gänzlich beseitigt zu werden. Metternich, 
diese Schicksalsperson des deutschen Volkes während fast der 
ganzen ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war ein gut aus⸗ 
gebildetes Exemplar einer Spezies von Charakteren, die sich nicht 
eben durch Seltenheit auszeichnet. Beschränktheit, um nicht zu 
sagen Borniertheit für jede Art von Beobachtung, die weiteren 
Horizont erfordert, verband sich bei ihm mit Schlauheit in der 
Beherrschung und Direktion der nächsten Umwelt: und für deren 
Betätigung stand ihm zugleich ein höchst ausgesprochener Wille 
zur Verfügung. Personen dieser Ausstattung pflegen in Ver⸗ 
fallsumgebungen und selbst schon in einem Milieu von Willens⸗ 
schwäche und biederem Unverstand leicht zur Herrschaft zu ge— 
langen und sich dauernd zu behaupten: bis sie schließlich an 
ihrer eignen Unzulänglichkeit zugrunde gehen. Dies ist auch 
das Leben und Schicksal Metternichs gewesen. Von der 
eigentlichen geschichtlichen Bewegung des 19. Jahrhunderts, 
vom Aufkommen dessen, was man im weitesten Sinne Sub⸗ 
jektivismus nennen kann, wie von der Notwendigkeit demo— 
kratischer Wirkungen dieses Subjektivismus hat Metternich nie 
etwas gesehen, geschweige denn erkannt und innerlich sich ein⸗ 
geordnet; es fehlten ihm dazu die Organe, und soweit sich 
diese etwa aus einer geringen Dosis von wirklichem Pathos, 
die er ursprünglich gehabt zu haben scheint, hätten entwickeln 
können, wurden sie in ihrer Entfaltung durch dauernd lieder⸗ 
liche Lebensweise geschädigt. Was übrig blieb, war ein sattes 
Schweben über dem Herkömmlichen und der starre Wille, dies 
Herkömmliche mit beliebigen Mitteln von Tag zu Tag zu 
beherrschen und allein zu diesem Zwecke auch seiner Substanz 
und seinem Wesen nach zu fristen.
	        
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