398 Dreiundzwanzigstes Buch. Viertes Napitel.
Am 14. September zog der Kaiser in Moskau ein, mit
90 000 Mann. Doch neu war die Gastlichkeit, die ihn hier
empfing: auf all den Kreuz- und Querzügen der Revolution
und der Kaiserzeit war sie Franzosen noch nirgends zuteil ge⸗
worden. Wenige Stunden vor Ankunft der Franzosen erst
hatten russische Truppen die Stadt verlassen — und mit ihnen
die Bevölkerung. Leer standen Haus und Hof, in die man
eintrat; leer auch Küche und Keller. Schon früh stellten sich
daher Verpflegungsschwierigkeiten ein; bald gab es Schwadronen
ohne Pferde; und die Disziplin der ratlosen Gäste lockerte
sich. Und dann kam, in der zumeist aus Holzhäusern bestehen⸗
den unendlichen Stadt, ein Feind, der schlimmer war als alle
anderen: der ans Mittelalter, ja an Urzeiten erinnerte. Da kam
der Gott, der, nach Arndts Lied, den Deutschen bald groß
und wunderbar aus langer Schande Nacht in Flammen auf⸗
ging: der Gott der Brandfackel. Wurde die Stadt nach vor—
angelegtem Plane entzündet? Wer wußte es? Unheimlicher
war es, daß die Brände hier und da aufflammten, daß keine
Nacht sicher, kein Schläfer geborgen schien.
Napoleon begann mit dem Zaren zu verhandeln. Aber
das Geschäft zog sich hin; noch wußte man zwar in den
russischen Hauptquartieren nicht, wie erbärmlich es um die Heere
des Kaisers stand — doch man zögerte, schob auf, um schließ—
lich zu versagen. Kostbare Wochen waren in Untätigkeit ver⸗
loren, als Napoleon, am 19. Oktober, den Rückzug antrat.
Es war noch im heiteren, ja es war in einem besonders
milden Herbste. Aber am 11. November kam die Kälte, der
Winter, der Schnee, das Furchtbare. Schon hatte man sich
in guten Tagen nur noch hingeschleppt: „Cette guerre sin-
gulière, cette guerre inouie, doit elle donc durer éter-
nellement?“ Jetzt lösten sich alle BVande der Zucht; zurück
trat der Einzelne in die Wildheit eines tierischen Egoismus,
der Kampf um Leben, Wärme, Brot begann: von mehr als
sechsmalhunderttausend Mann sind etwas über 50000, von
über hundertachtzigtausend Pferden 15000 zurückgekehrt.