Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 27
anarchische Gedanke, und zwar fast in der Heldenfärbung der
Anfänge der Empfindsamkeit, hervorbrach.
Im übrigen wurde die ganze Strömung, über deren
Verbreitung und Tiefe die Zeitgenossen sehr verschieden urteilten,
durch den Verlauf der französischen Revolution jedenfalls ihres
eigentlichen nährenden Zusammenhangs mit der deutschen
Entwicklung beraubt und fiel damit in sich zusammen. Zwar
finden sich von ihr auch später noch Spuren: am lehrreichsten
vielleicht in Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“, in
manchem Betracht einer politischen Analogiebildung zu
Schillers „Räubern“. Allein auf das größere Publikum hat
sie nicht mehr gewirkt. Zu deutlich hatte man, nach anfäng—
licher Schwärmerei für die Vorgänge in Paris, erkennen
müssen, wohin republikanische Freiheit führe; zu sehr fühlte
man zudem an dem eigenen, so traurigen äußeren Geschicke
seit der Mitte der neunziger Jahre die Kehrseite aller republi—
kanischen Freiheit, als daß man sie noch als Hebel nationaler
Entwicklung hätte erachten sollen.
Ging so die politische Wirkung von Empfindsamkeit und
Sturm und Drang, soweit sie ins Große strebte, verloren, so
blieb um so mehr der patriotische Einfluß. Nicht als ob es
vor den empfindsamen Jahren, in der Ausgangszeit des Indi⸗—
vidualismus, so ganz an Vaterlandsliebe gefehlt hätte; selbst
von einem nationalen Tone in der Entwicklung wenigstens
des Bürgertums darf gesprochen werden; und auch unter den
Gelehrten gab es eine Reihe patriotisch denkender Männer,
von Thomasius und Schurzfleisch bis auf Gottsched und
Gellert. Allein im ganzen war doch mehr von Patrioten als
von Patriotismus zu sprechen, und gänzlich fehlte die politische
Wendung.
Hier stellte nun schon die Empfindsamkeit ein neues Ideal
auf. Ihr war der Zug zum Nationalen von vornherein ein⸗
geboren; als Ganzes schon war sie ohne ihn nicht mehr zu denken.
Und indem damit der Zug zum Historischen Hand in Hand
ging, wurde die Vaterlandsliebe wenigstens als eine dunkle