Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

28 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel. 
ahnungsvolle Empfindung lebendig, welche das Ganze der 
deutschen Welt umfaßte: Armin und Odin, Bardengesang und 
Shakespeare; wenn sie sich auch mit Vorliebe noch in das 
formlos Erhabene einer phantasievoll ergriffenen Welt der Ur⸗ 
zeit einspann. 
Aber von hier aus wurde denn doch bald größere Klar— 
heit gesucht. Und alsbald verband sich dabei die Vaterlandsliebe 
mit einer dunkeln politischen Tendenz, die in instinkthaftem 
Vorschreiten einer neuen Verfassung zustrebte. Den Fortschritt 
bezeugt wiederum am deutlichsten Herder; er meint schon in 
seiner Schrift „Haben wir noch das Publikum und Vater—⸗ 
land der Alten?“ vom Jahre 1765: „Unserm Vaterlande 
tut Gemeinsinn not, edler Stolz, sich nicht von andern ein⸗— 
richten zu lassen, sondern sich selbst einzurichten, wie andere 
Nationen von jeher getan: Deutsch zu sein auf eignem wohl—⸗ 
beschütztem Grund und Boden.“ Konkretere Vorstellungen der 
Schwierigkeiten wie der Notwendigkeit eines solchen Vorhabens 
zeigen dann schon folgende Sätze aus derselben Schrift: „Bei 
uns hat das Ganze so wenig gemeinschaftlichen Schritt in der 
Kultur gehalten, daß schwerlich eine Vorstellungsart zu finden 
wäre, die auf alle Teile als auf ein gemeinsames Publikum 
mit gleicher Macht wirkte. Nicht nur Provinzen und Kreise, 
selbst Stände haben sich dergestalt in ihrer Denkart entzweit, 
daß ihnen ein zutrauliches, gemeinschaftliches Organ ihrer 
innigsten Gefühle fehlt. Es gibt kein wahres Verständnis des 
Gemütes, keine gemeinsame patriotische Bildung, keine innige 
Zusammenempfindung. Das Publikum wird nur als Pöbel 
zur Dekoration von Hoffestlichkeiten zugelassen. Mit Wohl—⸗ 
gefallen haben wir eine Kultur angenommen, von der ganze 
Stände und Provinzen nichts wissen, und schlummern auf 
diesem erträumten Ruhm. Ich fürchte und hoffe, daß uns die 
Zeit aus diesem Schlummer wecken werde.“ 
Sind es nicht prophetische Worte? Wie sehr jedenfalls 
hebt sich ihr gläubiger und doch schon ziemlich realistischer 
Optimismus von den bösen Schlußworten in Lessings „Ham⸗ 
burgischer Dramaturgie“ ab: „über den gutherzigen Einfall,
	        
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