446 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel.
Es gehört zu den charakteristischen Erscheinungen der Zeit
der Freiheitskriege, daß der innige Zusammenhang zwischen Volk
und Regierung noch nicht hergestellt war, der heute den
Demokratismus aller Staaten, auch der mehr oder minder
absolut regierten, kennzeichnet. Noch stand man in diesen
Jahren in den Anfangszeiten des politischen Subjektivismus;
und von einem scharfen Einflusse des Volksempfindens auch
auf die Einzelheiten der diplomatischen und strategischen Vor—
gänge, wie er in Frankreich schon während der Revolutions—
zeit hervorgetreten war, war wenigstens in Deutschland in
diesen Jahren noch nicht die Rede: geschweige denn, daß die
politischen und diplomatischen Kreise die allgemeinen nationalen
Strömungen schon zu beherrschen oder gar zu bilden und eben
in diese Beherrschung und Bildung eines der Momente des
Hauptverlaufes einer diplomatischen Aktion zu verlegen ver—
sucht hätten. Es sind Erscheinungen, die in Deutschland fast
erst die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts kennzeichnen, und
die auf deutschem Boden auch dann noch und selbst noch in
neuester Zeit viel spärlicher hervortreten als in Frankreich oder
in England. Und es ist nicht zu verkennen, daß, an dem
Verlaufe der soeben besprochenen Entwicklung gemessen, die
Mittel der früheren wie der heutigen deutschen Diplomatie als
veraltet erscheinen gegenüber denen der Diplomatie des euro⸗
päischen Westens.
Für die Anfangszeiten des 19. Jahrhunderts hatte dieser
Umstand zur Folge, daß die jungen Energieäußerungen der
allgemeinen nationalen und politischen Entwicklung oft un⸗
vermittelt neben der Tätigkeit der altzünftigen Diplomatie
herliefen und sich mit ihr nur in Ausnahmefällen trafen oder
schnitten. Hieraus ergibt sich denn für die Erzählung dieser
Zeiten eine Aufgabe, deren Lösung manche Unbehaglichkeit
und manchen Verlust epischer Stimmung mit sich bringt: der
Erzähler muß ständig hin und her eilen zwischen den explosiven
und pathetischen Vorgängen der politischen und militärischen
Offentlichkeit und den rationalistischen Ratschlägen und der
großer Empfindungen zumeist baren Leidenschaftlichkeit der