Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

470 Dreiundzwanzigstes Buch. Fünftes Kapitel. 
Hilfe gesucht, so war sie am besten gewiß in dem Interesse 
Frankreichs an einem mittelstaatlichen und damit unkräftigen 
Deutschland gegeben. Es war ein wichtiges Moment, das 
Isterreich und Frankreich, unter gleichzeitigem Gegensatze gegen 
Preußen, zusammenführen mußte. 
Im ganzen aber ergab sich damit für England wie 
sterreich eine gemeinsame, ziemlich stetig gesteigerte Neigung, 
Frankreich, das grundsätzlich von den Hauptverhandlungen des 
Kongresses ausgeschlossen sein sollte, in diese hineinzuziehen; 
und die glänzende und hinterhaltige Staatskunst Talleyrands 
verstand, wie wir bald hören werden, diese Neigung außer— 
ordentlich zu stärken und zu nutzen. 
Auf der anderen Seite standen Preußen und Rußland. 
Preußen hatte von allen deutschen Staaten unter Napoleon 
zuletzt am meisten gelitten, und zwar nicht bloß pekuniär: was 
war selbst von seiner Länderausstattung schließlich übrig ge⸗ 
blieben? Aber auch nach dem Besitzstand von 1808, dessen Wieder⸗ 
herstellung für Preußen nach dem Pariser Frieden feststand, wäre 
es ein zerfetztes Land geblieben: es war billig, daß ihm seine 
außerordentlichen Opfer darüber hinaus wenigstens noch durch 
eine bessere Gebietsabrundung vergolten wurden. Aber bei 
der Durchführung dieses Gedankens ergab sich nun alsbald 
zine Fülle schwierigster Probleme; ja selbst schon die Herstellung 
des früheren Besitzes stieß auf Hindernisse. Und die preußische 
Diplomatie hatte versäumt, auf die Regelung der Einzelheiten, 
aus denen sich schließlich das ganze Problem zusammensetzte, 
zu rechter Zeit volles Gewicht zu legen. Dazu kam, daß das 
Abrundungs- und Vergrößerungsproblem schließlich in der bösen 
Frage nach dem Schicksale Sachsens gipfelte. Kein Zweifel, 
daß das Verhalten des Königs von Sachsen, der bis zur 
Schlacht von Leipzig und darüber fast hinaus mit Napoleon 
gegangen war und jetzt gefangen in Preußen lebte, eine andere 
Behandlung erforderte, als fie den deutschen Potentaten des 
Südens und Westens zuteil geworden war. Das war wenigstens 
die Meinung Hardenbergs und König Friedrich Wilhelms.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.