32 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Geisteslebens, des Kultus und des Unterrichts, der sozialen
Fürsorge und der wirtschaftlichen Förderung. Nur eins ver—
mochte sie nicht. Sie konnte nicht die politischen Folgen jener
großen sozialen Veränderungen namentlich und zuerst im
Kreise des Bürgertums anerkennen und entwickeln helfen, auf
denen doch in vieler Hinsicht die Entfaltung eben des neuen
Geisteslebens beruhte: auf diesem Gebiete mußte sie schlecht⸗
hin konservativ sein, wollte sie nicht ihr ganzes System den
größten Veränderungen, ja der Vernichtung aussetzen. Und
insofern, als diese notgedrungene Stellungnahme sie doch auch
gegenüber den geistigen Folgeerscheinungen der sozialen Ent⸗
wicklung binden konnte, war sie auch diesen gegenüber zu einer
gewissen Zurückhaltung, wenn nicht gar zu einer bestimmten
Behinderung gleichsam innerlich verpflichtet.
Danach ist klar, daß es sich im Grunde um unversöhn⸗
liche Gegensätze handelte: der Staat des Individualismus
konnte niemals der Staat des Subjektivismus sein. Insofern
war es, unter der Voraussetzung des Absolutismus, eine
Utopie und, wenn man will, eine revolutionäre Außerung,
wenn Schiller Posa dem König Philipp zurufen ließ:
Sanftere
Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten;
Sie bringen mildre Weisheit; Bürgerglück
Wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln,
Der karge Staat mit seinen Kindern geizen,
Und die Notwendigkeit wird menschlich fsein.
Denn was hieß Bürgerglück im Sinne der neuen Zeit? Die
absolute Monarchie kannte nur die, wenn auch in mancher
Hinsicht abgewandelten Stände des Mittelalters; und diese
waren in ihrem menschlichen Dasein noch gebunden an spezi⸗
fischen Beruf und die diesen Berufen spezifisch zugrunde
liegenden Wirtschaftswerte: waren grundsätzlich Geburtsstände.
Der neue Bürger aber suchte und fand sein Glück in der
vollen Freiheit der Persönlichkeit, in der Abstreifung eben
dieser elementaren Bindungen mittelalterlicher Sozialberufe:
aus seinem sozialen Freiheitsbegriffe fiel jedes rechtlich