Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 35
Absolutismus angegriffen und in der „Emilia Galotti“ den
höfischen gegeißelt; dem aufgeklärten aber hat er in „Minna
von Barnhelm“ huldigend ein Denkmal gesetzt. Klopstock
haßte Friedrich den Großen als Französling; Joseph II.
widmete er 1769 seine „Hermannsschlacht“. Herder forderte
1778 Joseph II. auf, den Deutschen ein deutsches Vaterland,
ein Gesetz, eine schöne Sprache und eine redliche Religion zu
geben und deutsche Sitte und Wissenschaft mit der Väter
Kraft zurückzuführen. Von den geistigen Großen der Zeit hat
erst Schiller den Absolutismus schlechthin verworfen. Und aus
der Zahl der wichtigeren politis chen Theoretiker entfernten sich von
der Grundlage des aufgeklärten Despotismus eigentlich nur
Möser, insofern er rückwärts schauend für die deutschen Stände
schwärmte, und Iselin, der mit dem Blicke auf die Zukunft
für die Schweiz die. Grundzüge der modernen Repräsentativ—
demokratie entwarf und die Lehre von der Teilung der Ge—
walten predigte.
Unter all diesen Umständen war offenbar die reichste Ge⸗
legenheit zu friedlichem Übergange von den Zeiten des Abso—
lutismus in die eines neuen Staatslebens eröffnet, wenn die
Fürsten gegenüber dem Geiste des Frühsubjektivismus und der
späten Aufklärung auch nur einiges Entgegenkommen zeigten.
Und da ist nun entscheidend, daß dies Entgegenkommen eben
bei den führenden Fürsten, Friedrich dem Großen und Joseph II.
stark genug, ja bei Joseph, vom Standpunkte des Absolutismus
aus betrachtet, allzu ftark vorhanden war.
Die Staatsanschauung Friedrichs des Großen war aller—
dings noch in einem rein intellektualistisch- individualistischen
Naturrecht verankert und hat diesen Grund prinzipiell niemals
verlassen. Wies sie dabei gleichwohl von voruherein in der
Auffassung der fürstlichen Stellung ethische Momente auf, so
wurde das ihrer Ableitung aus der speziellen Entwicklung des
deutschen Naturrechts verdankt, neben dem wohl nur nog die
Vugl. dazu wie zu dem Vorhergehenden schon Band VI, 1.2,
S. 400 or.