Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Neue Anschauungen von Staat und Gesellschaft. 59 
des Großen sehr bald an der Starrheit seiner sozialen Zustände 
jählings zusammengebrochen. 
Anders verlief die Entwicklung in dem zweiten deutschen 
Großstaate, in Osterreich. Im ganzen lagen hier die Voraus— 
setzungen zu einer Durchbildung im Sinne der Forderungen 
der übergangszeit wohl nicht ungünstiger als in Preußen. 
Gewiß waͤr die Stärke der Zentralgewalt, namentlich in ihrer 
administrativen Auswirkung, nicht gleich entschieden entwickelt, 
obschon sie unter Maria Theresia zweifellos gewachsen war. 
Auch waren die privilegierten Stände, Adel und Geistlichkeit, 
noch in vieler Hinsicht selbständiger geblieben als in Preußen — 
aber freilich dadurch auch das Schicksal des Staates nicht so 
fest mit dem ihrigen verkettet, wie das namentlich in dem 
Preußen Friedrichs des Großen der Fall war. Überlegen 
aber war OÖsterreich seinem Nebenbuhler in der kulturellen 
Durchbildung der niederen Klassen, wenigstens soweit es sich 
um die deutschen Länder handelte — welche Erscheinung war 
hier namentlich der freie Bauer Tirols! —, während man 
anderseits die geringere Entwicklung des Bürgertums beklagen 
mochte, wenn sie auch der Bayerns und wohl auch Schwabens 
überlegen war. 
Die soeben erwähnten Eigenheiten vornehmlich der sozialen 
Schichtung hatten nun schon der inneren Politik Maria 
Theresias ein besonderes Aussehen gegeben: konservativ auf 
der einen Seite, weil an ein antisubjektivistisches Geistesleben, 
das vornehmlich noch von der katholischen Kirche bestimmt 
wurde, gefesselt, war sie doch in nicht wenigen anderen Punkten 
liberal, ja, an der preußischen Politik gemessen, radikal gewesen: 
hatte fast aus dem Nichts heraus eine gesamtstaatliche Lokal⸗ 
verwaltung entwickelt, war gegen den Adel vorgegangen, hatte 
vornehmlich auch die sozialen Grundlagen der privilegierten 
Stände angegriffen und damit den wirksamsten Umschwung 
des gesamten Staatslebens in Aussicht gestellt!. 
VBgl. Bd. VII, 2, S. 756 ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.