66 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
„warum Joseph nicht geliebt werde“; und nach dem Tode des
Kaisers konnte der Polizeiminister Graf Pergin seinem Nach—
folger folgende Sätze vortragen: „Der Adel ist mit Recht un—
zufrieden, weil derselbe durch das bürgerliche sowohl als
Kriminal-Gesetzbuch, durch die neue Steuerrektifikation in
seinem Eigentum ohne Verschulden äußerst gekränkt und so
erniedrigt worden, daß zwischen dem Bürger- und Bauernstand
und dem seinigen ein sehr geringer Unterschied mehr sich zeigt.
Die noch bestehende Geistlichkeit ist unzufrieden, weil ihre Ein—
künfte auf das höchste geschmälert und die Stifter, welche als
Güterbesitzer anzusehen, auch in dieser Eigenschaft den ersten
Platz unter den Ständen hatten, nebst gleichmäßiger Kränkung
ihres Eigentums, beinahe dieses genossenen Vorzugs entsetzt
worden.“
Nach Lage der Dinge ertönten diese Anklagen wenigstens
für eine konservativere Anschauung vielfach begründet; und
folgten ihnen noch Außerungen über die Unzufriedenheit von
Bürger und Bauer, so waren auch diese in dem Sinne nicht
unberechtigt, daß den unteren Ständen an sich günstige
Reformen, weil allzuschnell durchgeführt, manchen persön—
lichen Mißmut und manche törichte Hoffnung hatten entstehen
lassen.
Nach Josephs II. Tode hat Kaiser Leopold II. in ge—
sunder Weise das Gute an Josephs Reformen aufrecht
erhalten, und zwar, wenn auch in der Form gemäßigt, in der
Sache weit mehr, als man gewöhnlich annimmt; nur einzelne
allzu überstürzte Maßregeln und Komplexe von solchen wurden
gänzlich zurückgenommen. Und so konnte es scheinen, als
würde Österreich aus der weltklugen Zeit Maria Theresias
und den idealistischen Jahren Josephs II. nun in ruhiger
Abklärung sammeln, was ihm den Charakter eines für diese
Zeit in hohem Grade modernen Staates sicherte. Aber der
Herrscher, der diese harmonische Abklärung vermitteln sollte,
Leopold II., starb früh, schon am 1. März 1792, noch vor voll⸗
endetem Werke. Und nun führte das zweischneidige Wesen
der absoluten Monarchie, das so überaus zahlreiche Entwick—