80 Dreiundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.
Psychologie bezeichnet werden, die dann ihrerseits wieder die
Grundlage einer neuen Staatslehre sein werde.
Ist es da verwunderlich, wenn durch Maurer, in seiner
„Wissenschaft vom Menschen“, schon im Jahre 1782 der Ver—
such gemacht wurde, eine innerhalb der Erziehung und des
Staatslebens verlaufende Charakterentwicklung zur Grundlage
einer Art von Sozialpsychologie zu machen?
An erster Stelle aber kam doch die Erziehung der Einzel—
menschen als solchen auf Grund einer neuen Kenntnis des
Seelenlebens in Betracht. Und da konnte denn der Weg kein
anderer sein als der, daß man die neuen naturalistisch ge—
fundenen Gegebenheiten' des Seelenlebens in irgendeiner Weise
zu veredeln trachtete. Ein praktischer Idealismus der Er—⸗
ziehung also setzte ein, und sein Ziel war Veredelung des neuen
Menschen, oder, insofern man den neuen Menschen noch nicht
als geschichtlich geworden, sondern als absolut gegeben empfand,
die Darstellung reinster, höchster Menschlichkeit in ihm. Zu ihr
den Menschen hinzuformen, das erschien der Zeit mithin als
wunderbarste Aufgabe alles Menschendaseins: diesem praktischen
Ziele hat sie mehr als irgendeinem anderen mit ihrem Herz⸗
blute gelebt.
Und was erwartete man nicht für Ergebnisse! Immer
und immer wieder taucht der Gedanke auf, daß die Vollendung
dieser Erziehung eigentlich jeden Zwang und damit jeden Staat
unter den Menschen überflüssig machen müsse: und am Ende
der Zeiten erscheint damit eine edle Anarchie als letztes Ziel
alles Menschlichen. Oder sollte dies Ideal gar schon in abseh—
barer Nähe erreichbar sein? Der Illuminatenorden hat geraden
Weges die Absicht verfolgt, durch energische Erziehung der
Einzelnen die Staaten, die bei dem niedrigen Stande der
Tugend jetzt noch notwendig seien, entbehrlich zu machen.
Ahnliche Neigungen erwachten auch bei den Freimaurern.
Später hat Friedrich Perthes, den man in seiner Jugend als
getreuen Spiegel der Gedankenwelt der gebildeten Kreise jener
Zeit betrachten darf, mindestens die vollste bürgerliche Freiheit
als notwendige Folge der Herrschaft über sich selbst, der