Erstes Kapitel.
Die Frühromantik.
Die einzelnen Kulturzeitalter eines großen nationalen Ver—
laufes sind nicht durch steile, unübersteigbare Schranken von—
einander getrennt. So wenig es in der Natur den absoluten
Gegensatz von Bewegung und Ruhe gibt, jede Gleichgewichts⸗
erscheinung vielmehr nur auf einem zeitlichen Ausgleich lebendiger
Kräfte beruht, deren Spannung alles andere bedeutet denn Still—
stand, und so wenig in der Welt der physischen Erscheinungen
sich überhaupt Sprünge von Vorgang zu Vorgang ereignen,
so wenig kann in der Welt des Geistes von ruckweiser Be⸗
wegung und unzusammenhängender Entfaltung die Rede sein
Große geschichtliche Katastrophen sind wie Erdbeben; sie treten
zwar plötzlich ein, sind aber im Grunde durch kontinuierliche
Veränderungen uralter Zustände unter der Einwirkung ständig
tätiger Kräfte veranlaßt.
So wäre es eine Errungenschaft von größter Tragweite,
gelänge es, ein Universalmittel oder eine Summe von Formeln
ausfindig zu machen, die es gestatteten, jede geschichtliche Be—
wegung als stetig leise vorrückend so darzustellen, wie sie sich
in diesem Zustand in jedem Augenblicke zu der unendlichen
Fülle anderer gleichzeitiger, ebenfalls leise fortrückender Be—
wegungen verhält. Man weiß, wie in den Naturwissenschaften
von der Mechanik her eine solche Möglichkeit entwickelt worden
ist, sobald sich an Stelle statischer Grundanschauungen lang—
18*