Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erstes Kapitel. 
Die Frühromantik. 
Die einzelnen Kulturzeitalter eines großen nationalen Ver— 
laufes sind nicht durch steile, unübersteigbare Schranken von— 
einander getrennt. So wenig es in der Natur den absoluten 
Gegensatz von Bewegung und Ruhe gibt, jede Gleichgewichts⸗ 
erscheinung vielmehr nur auf einem zeitlichen Ausgleich lebendiger 
Kräfte beruht, deren Spannung alles andere bedeutet denn Still— 
stand, und so wenig in der Welt der physischen Erscheinungen 
sich überhaupt Sprünge von Vorgang zu Vorgang ereignen, 
so wenig kann in der Welt des Geistes von ruckweiser Be⸗ 
wegung und unzusammenhängender Entfaltung die Rede sein 
Große geschichtliche Katastrophen sind wie Erdbeben; sie treten 
zwar plötzlich ein, sind aber im Grunde durch kontinuierliche 
Veränderungen uralter Zustände unter der Einwirkung ständig 
tätiger Kräfte veranlaßt. 
So wäre es eine Errungenschaft von größter Tragweite, 
gelänge es, ein Universalmittel oder eine Summe von Formeln 
ausfindig zu machen, die es gestatteten, jede geschichtliche Be— 
wegung als stetig leise vorrückend so darzustellen, wie sie sich 
in diesem Zustand in jedem Augenblicke zu der unendlichen 
Fülle anderer gleichzeitiger, ebenfalls leise fortrückender Be— 
wegungen verhält. Man weiß, wie in den Naturwissenschaften 
von der Mechanik her eine solche Möglichkeit entwickelt worden 
ist, sobald sich an Stelle statischer Grundanschauungen lang— 
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