162 vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
intrigierten, und das Publikum, das dem allen mit inniger
Hingebung folgte, ermüdete selbst nicht bei der Verkündung
langatmiger Staatsurkunden und Proklamationen. Es war
der erste volle Ausbruch eines noch romantisch gefärbten histo—
rischen Sinnes; und Raupach war ganz der Mann dazu, die
neue Kost einem hohen Adel und geehrten Publikum in gleich
mundgerechter Art zu servieren.
Man kann aber diese Bewegung, der tiefere Erwägungen
dramatischer Kunst fernstanden, gleichwohl als die eigentlich
vorwärts weisende ansehen — trotz all des Spottes, der bald
auf sie herabhagelte. Denn konsequent weiter verfolgt mußte
sie zum vollen Historismus und aus diesem in den dramatischen
Realismus führen. Und insofern mag ihr halber Rückfall in
die Praktiken der Technik des 17. oder 16. Jahrhunderts wohl
mit jenem historischen Schulkursus der bildenden Kunst ver—
glichen werden, der, wie wir wissen, an der Hand der Kunst
des Quattro- und Cinquecentos und der deutschen Malerei
der Reformation wie in dem Geleit der gotischen Stilformen
des Mittelalters von Overbeck bis zu Kaulbach, von Schadow
bis zu Rethel, von Schinkel und Zwirner bis zu den Gotikern
der vierziger bis siebziger Jahre führte.
Daneben aber nahmen noch dramatische Erscheinungen die
Aufmerksamkeit in Anspruch, die vornehmlich nach Osterreich
und nach Wien wiesen. Sie waren sozusagen Ausnahms- und
Rückständigkeitserscheinungen, wie wir sie in der geistigen Ent—
wicklung der Nation für sterreich von nun ab wiederholt
werden feststellen können. Sie beruhten darauf, daß sich der
größte katholische Staat des Reiches lange Zeit hindurch der
vornehmlich protestantisch charakterisierten Bildung der Nation
unzugänglich, ja feindlich erwiesen hatte, insbesondere so lange,
als sich während des ganzen Verlaufes des individualistischen
Zeitalters das Moment der neuen Konfession, deren Bildung
ja eben diesem Zeitalter verdankt wurde, als ausschlaggebend
für den allgemeinen geistigen Fortschritt erwies. Nun, seit der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, seit dem Aufkommen
eines neuen, an sich nicht mehr konfessionell und damit auch