192 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
an sich schon Vorwiegen der intellektuellen Seite des Lebens,
bedeutet Korrektheit und Prosa. Wie sicher hat das nicht
schon Herder in bekannten Sätzen über die Lebensalter der
nationalen Sprachen geschildert. Aber war es nicht charakte⸗
ristisch, daß eben schon er dies tun konnte? Ein Angehöriger
noch der enthusiastischen Hälfte der ersten Periode des Sub—
jektivismus! Und doch schon so überlegt, so philosophisch, so
beinahe wissenschaftlich in dem prägnanteren, vielleicht sogar
bhornierteren Sinne dieses Wortes! Doch eben dies ist be—
zeichnend, daß die Dichtung auch schon des Klassizismus voll—⸗
steckt von Philosophemen, daß Goethe und Schiller nur von
denen ganz verstanden und selbst genossen werden können, die
den Windungen der Entwicklung ihrer Weltanschauung zu
folgen imstande sind. Von vornherein war die Periode, auch
in der Zeit ihres Enthusiasmus bereits, noch weit mehr aber
in der ihrer Mystik, intellektualistisch beschwert; und eben ihr
vollster Subjektivismus schon hat in Kant und in den Dichtern
der Frühromantik philosophischen Ausdruck gefunden.
Da mußte denn freilich der Weg von überwiegender Phan⸗
tasie zu überwiegendem Intellekt rasch zurückgelegt werden; und
über ein kleines bereits trat an die Stelle der Künste die
Wissenschaft. Dennoch wurde der Schritt nicht ohne sehr aus⸗
gesprochene und länger andauernde Übergangserscheinungen
getan; wir kennen deren schon einige in der Entwicklung der
Helden des Sturmes und Dranges wie des Klassizismus, voran
in den Weltanschauungsformen Herders, Kants, Goethes,
Schillers; wir haben andere in den Philosophemen der Denker
der Frühromantik berührt. Jetzt nun, in der Spätromantik,
wurde die damit eingeschlagene Richtung so kräftig weiter ver⸗
folgt, daß sie aus Weltanschauung und geschlossenem Philo—⸗
sophem unmittelbar in die Wissenschaft, wenn auch in eine zu⸗
nächst noch etwas enthusiastische Wissenschaft als ein bestimmen⸗
des Zeitmoment hinüberführte: es begann die Rationalisierung,
wenigstens die Realisierung der Psyche der ersten subjektivisti⸗
schen Periode. Es ist der für die innere Fortentwicklung schon
der dreißiger, noch mehr aber der vierziger Jahre entscheidende