356 Vierundzwanzigstes Buch. Viertes Kapitel.
französischen Vetter in Paris. Es war damit die günstigste inter⸗
nationale Gruppierung der Mächte erreicht, welche die Heilige
Allianz erlebt hat: auf der einen Seite das mittlere östliche
und westliche Europa, Österreich, Rußland, Preußen, Eng⸗
land, Frankreich; auf der anderen die gärenden südromanischen
Staaten.
War es unter diesen Umständen nicht Wahnwitz, daß in
diesen, zuerst in Italien, Revolutionen ausbrachen? Aber auf
italienischem Boden galt es zugleich dem fremden Eroberer, Oster⸗
reich. Deutsche haben Italien niemals zu beherrschen vermocht:
ihr systematisch-ruhiges, auch bei extremen Maßregeln, die der
Italiener an sich sehr wohl verträgt, dem südlichen Temperament
kalt erscheinendes Wesen ist jenseits der Alpen nie verstanden
worden und darum stets verhaßt gewesen. Wie oft haben die
deutschen Kaiser des frühen Mittelalters dies Land diesseits
der Apenninen und hinab bis nach Rom erobert! Vergebens!
Noch heute begegnet man in den Erinnerungen des Süd—
italieners dem Hasse gegen die Zeit, da die Staufer dies Land
wirklich beherrschten. Und selbst in Oberitalien, in Padua,
wird die Zeit Ezzelinos amtlich und öffentlich noch als nefanda
tirannide bezeichnet. Sollte jetzt Osterreich gegenüber der un—
bändigen Nation mehr Glück haben als die Kaiser einst der
großen mittelalterlichen Zeit? Es hat gut verwaltet, wie denn
noch heute seine Verwaltung besser ist als die Italiens. Allein
diese Wohltat ist niemals anerkannt worden: was im Ge—
dächtnis blieb, war die Tyrannei der Fremden. Ästerreich
suchte in dem lombardisch-venetianischem Königreiche, das ihm
unmittelbar zugefallen war, zunächst die Spuren der französi⸗—
schen Zeit, deren man sich gern erinnerte, tunlichst zu tilgen;
daneben wurde durch Verbot der Freimaurerei die nationale
Neigung zur Geheimbündelei möglichst unterdrückt: und über
das Ganze hin die österreichische Verwaltung, vor allem in
Recht und Gericht, mit zahlreichen hohen österreichischen Be—
amten und dem Erzherzog Rainer als Vizekönig an der Spitze
eingeführt. Glaubte man damit die Sympathien des Landes
gewinnen zu können? Es kam zu keiner Vertretung der