Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Drittes Kapitel. 
Erste Stuse der kleindeutschen Lösung 
der Einheitsfrage. 
Ich bin im Jahre 1856 geboren. Meine früheste politische 
Erinnerung knüpft sich an die Krönung König Wilhelms J. in 
Königsberg am 18. Oktober 1861. Noch sehe ich auf dem ge— 
räumigen Markte des kleinen Städtchens im sogenannten luthe— 
rischen Winkel, südlich von Wittenberg, in dem mein Vater 
Pfarrer war, in trüber Dämmerung die Pechpfannen auf den hohen 
Holzsäulen lohen, innerhalb des Beringes derer mein Vater zu 
den versammelten Bürgern von der Schwere der Zeit und dem 
gefestigten Wesen des neuen Monarchen sprach; noch verbindet 
sich in meiner Erinnerung mit dem Bilde des niederschlagenden 
rußigen Schwalges der Flammen das salvenartige Geräusch 
zahlreicher zerspringender Knallerbsen, die ältere Knaben warfen, 
und deren prickelnden Ton ich damals zum ersten Male hörte. 
So ist mir nicht das Andenken eines heiteren Festes geblieben: 
wie eine Prophezeiung vielmehr seltsamer Zeiten von Krieg und 
Not, wie ein Symbol kommender Schlachtentage haftet mir die 
Szene im Gedächtnis. 
Darauf habe ich 18604 kriegsgefangene Dänen an den 
Wällen Wittenbergs, das damals noch Festung war, arbeiten 
sehen; und das Jahr 1866, wo in den Vortagen des Ein— 
marsches der preußischen Truppen in das Königreich Sachsen 
unser friedliches Haus zum Quartier eines Generals geworden 
war, ist mir aus dieser Zeit mit ihren alltäglichen hellen 
Lamprecht. Deutiche Geschichte. XI. 2. 24
	        
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