Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

362 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Morgenmusiken der Militärkapellen in bester Erinnerung: bis 
der Ernst des Kampfes, fern von meiner Heimat, sich in den 
furchtbar-schnellen Schlägen entlud, von denen die Zeitungen 
berichteten, und ich mir täglich in vorzeitiger Stunde die „Kreuz⸗ 
zeitung“ von der Post holte, um sie am verschwiegenen Orte, 
in dem Wipfel eines alten Kastanienbaumes, zu lesen, noch 
vor meinem Vater, der inzwischen sein Mittagsschläfchen ab— 
hielt. Im Jahre 1870 aber war ich mit vierzehn Jahren schon 
ein leidlich verständiger Gesell; und so fuhr mein Vater, der 
große geschichtliche Augenblicke gern mitschauend erlebte, mit 
mir und einem Vetter einige Tage vor der Kriegserklärung eigens 
nach Berlin, damit wir die Erhebung der Nation am klassischen 
Ort mit voller Seele in uns aufnehmen möchten. So habe 
ich die zunehmende Erregung der unheildrohenden Tage be— 
obachten dürfen; denn all die Zeit hindurch war der Vater, 
obwohl sechsundsechzigiährig, mit uns auf den Beinen, am 
Tage in den Straßen und auf den Bänken unter den Linden, 
des Abends in Biergärten, Kneipen, Restaurants, Theatern, 
deren wir zwei bis drei und mehr an jedem Abende besuchten. 
Und unvergessen sind mir die Eindrücke dieser Tage bis ins 
kleinste: das Feiern der Arbeiter, das erste Ertönen anfangs 
des Pariser Einzugsmarsches, dann der Wacht am Rhein, die 
Begeisterung bei Kroll, wo Lortzings „Undine“ unter Einlegung 
vaterländischer Lieder gespielt wurde und unglaublichen 
Enthusiasmus entfesselte — der atemlose Augenblick, da, von 
der Friedrichstraße her, an der Ecke der Kranzlerschen Konditorei 
unter den Linden vorwärts drängendes halbwüchsiges Volk in 
wildem Rufe verkündete, daß der Krieg soeben erklärt sei. 
Danach hieß es freilich schleunigst an die Heimfahrt denken, 
denn schon galt die kriegsmäßige Ordnung der Bahnzüge; mit 
Mühe gelangten wir nach Hause, aus Kasernenfenstern fliegenden 
üͤberflüssigen Hausrat der ausziehenden Truppen als letzte Er— 
imnerung an unvergeßliche Stunden im Kopfe. 
Natürlich drängte auch ich in den Krieg; mit Mühe redete 
mein Vater mir aus, mich bei irgendeiner Truppe zu melden — 
übrigens würde ich wegen mangelnden Alters natürlich ab—
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.