Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Erste Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 365 
Im Wesen ist der Niedersachse unverkennbar; kleine An— 
klänge an Plattdeutsch werden mit Vergnügen gesucht bis zur 
Einflechtung ganzer Wörter und Redeweisen. Von historischen 
Persönlichkeiten würde ich mir ähnlich denken: Karl den 
Großen, König Heinrich J. Konrad II., den Großen Kurfürsten 
vielleicht, vielleicht auch nach gewissen Seiten Wallenstein. Doch 
versagen eigentlich Vergleiche aus der neueren Geschichte. 
Das Wesen des Fürsten in seiner Häuslichkeit ist nur im 
ersten Augenblicke imposant, dann überwiegt die Liebens— 
würdigkeit einfachen Sichgebens. Die Urteile und ihre Aus— 
sprache sind gemäßigt. Man hat bei jedem Worte die Emp— 
findung, daß es fundiert ist: so daß die zugrunde liegenden 
Erwägungen für gerade seine Wahl nicht ausgesprochen zu 
werden brauchen. Der Fürst erwägt. überhaupt nicht vor 
anderen, sondern behauptet in dem sicheren, den Dritten an— 
steckenden Vertrauen, daß er recht hat. Die Diskussion mit ihm 
ist daher schwer und war mir fast unmöglich. 
Das Gedächtnis ist enorm und für die fünfziger und wohl 
auch sechziger Jahre anscheinend untrüglich. Der Fürst erzählte 
von seinen Frankfurter Attachss und waßte an ciner Sielle, 
wo er unerwarteterweise dessen bedurfte, noch den Namen des 
Dieners eines derselben. Für die spätere Zeit, speziell die 
Ereignisse im Beginn der Regierung Kaiser Friedrichs, be— 
klagte sich der F,uͤrst über sein schlechtes Gedächtnis wisse 
nicht einmal mehr, ob der Kaiser bei seiner Einholung in 
Leipzig durch ihn, den Fürsten, noch habe sprechen können oder 
schon habe schreiben mussen. Dabei wußte aber der Fürst noch 
genau: er sei in Maybachs Salonwagen nach Leipzig gefahren, 
habe schlafen wollen, keine Ruhebank gefunden, sich aber eine 
konstruiert, und beschrieb eingehend, wie er das gemacht habe. 
In diesem Augenblicke sind die geistigen und körperlichen 
Kräfte des Fürsten noch ungebrochen und größer als die der 
Achtzigjährigen, Die ich sonst kenne ... 
Der Fürst hat nichts an sich, was äußerlich Autorität zu 
erzwingen geeignet oder bestimmt wäre. Es ist falsch, daß er 
nur Monologe zu halten wünscht. Er verträgt Widerspruch.
	        
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