Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 555
Preußen, seit 1866 der treueste Anhänger der neuen Bundes⸗
bildung, fühlte ganz in diesem Sinne.
So kam es darauf an, wie sich die vier süddeutschen
Fürsten — denn über den Einheitswillen der Nation auch in
Süddeutschland bestand kein Zweifel — zu dem Gedanken einer
Erweiterung des Bundes stellen würden.
Da war nun zunächst wegen der rheinischen Fürsten, der
Großherzöge von Hessen und Baden, nichts zu befürchten. Das
Großherzogtum Hessen gehörte seit 1866 mit großen Teilen
seines Gebietes schon zum Norddeutschen Bunde; nichts konnte
ihm erwünschter sein, als diese Doppelstellung aufhören zu
sehen: das begriff selbst, wenn auch mit einiger Resignation,
der Herr von Dalwigk, der führende hessische Minister und
Gegner von Bismarck. Baden aber hatte, wie wir wissen., schon
früher um Aufnahme in den Norddeutschen Bund gebeten; es
hatte eine Anregung in diesem Sinne, die Anfang 1870 vom
norddeutschen Reichstage ausging, unterstützt; wie hätte es
jetzt nicht alles zur Verwirklichung eines Deutschen Bundes
beitragen sollen?
Nicht so einfach lagen dagegen die Dinge in Württemberg
und Bayern, den von der französischen Gefahr entfernteren
Staaten. In Württemberg war zwar die Bevölkerung durch—
aus einheitsfreudig, aber der schwache König Karl schwankte
zwischen den Ratschlägen seiner Minister, die die Stimmung
des Landes richtig zum Ausdruck brachten, und den Ein—
flüsterungen einer reaktionär-feudalen Hofpartei, die bei der
Königin Olga, einer geborenen russischen Großfürstin, Unterstützung
fand. Noch schwieriger lagen im Grunde die Verhältnisse in
Bayern. Das regnum Bawariae, wie es noch im 10. Jahr⸗
hundert gelegentlich hieß, hat von jeher wegen der Größe und
besonderen Lage des bayerischen Stammesgebietes eine besondere
Rolle in der deutschen Geschichte gespielt und spielen wollen:
es ist in seiner politischen Komplexion im Verhältnis zum
deutschen Gesamtreich etwas wie eine kleinere und frühere Vor—
1 S. oben S. 514, s. auch S. 506.