Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

370 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Lösung eines mehr äußerlichen Schadens der deutschen Ent— 
wicklung her zuteil wurde: aus der gewaltsamen Beseitigung des 
preußisch⸗österreichischen Dualismus. Gewiß verknüpfte sich mit 
den Einzelvorgängen dieser Lösung und namentlich mit den 
Ereignissen des ihnen folgenden deutsch-französischen Krieges auch 
die Realisierung mancher politisch-subjektivistischen Forderung. 
Allein es geschah gleichsam nur nebenher und auf Abschlag: 
Einheit und noch mehr zeitgemäße Verfassung standen keines— 
wegs völlig im Zentrum der gesamten politischen Bewegung. 
Man darf die Konsequenzen dieser Erscheinung für die 
Vorgänge der fünfziger bis siebziger Jahre selbst wie auch für 
die Folgezeit nicht übersehen. Die politischen Ereignisse bis 
weit über die Gründung des Reiches hinaus sind nicht von der 
vollen Wucht der nationalen Geistesentwicklung getragen ge— 
wesen: schon daraus geht dies hervor, daß in ihrem Verlaufe 
eine Politik, die auf System und Überzeugung beruhte, nicht 
mehr gepflegt wurde. Vielmehr im Sinne einer Moral und 
Weltanschauung, die sonst nur für die äußere Politik der 
Staaten untereinander Geltung zu haben pflegt, vollzog sich 
ein nicht geringer Prozentsatz der entscheidenden Ereignisse der 
Verfassungsbildung und Reichseinigung; und indem dies so 
war, wurde es möglich, daß die geistige und sittliche Haltung 
der Verfallszeit der ersten subjektivistischen Periode mehr, als 
erwünscht sein konnte, die konstituierenden politischen Vorgänge 
beeinflußte. Man hat wohl die Politik, die unter diesen Um— 
ständen getrieben wurde, als Politik des Realismus, wenn 
nicht gar als Politik des Erfolges gepriesen. Tiefere und 
feinere Köpfe indes schon unter den Zeitgenossen fanden sich 
fremd zu ihr. Heute aber kann kaum ein Zweifel darüber be— 
stehen, daß die Bildungsvorgänge des Norddeutschen Bundes und 
des Reiches uns zwar ein genial konstruiertes Föderativsystem 
gebracht haben, insoweit dessen Ausbau im geistigen Bereiche 
einer Machtpolitik lag: nicht aber den deutschen Staat des 
Subjektivismus. 
Es sind Zusammenhänge, die Gegenwart und Zukunft zu 
berbessern haben: wir suchen erst den unserem modernen Wesen
	        
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