Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 578
sammenhanges. Sie verliefen im ganzen glücklich; hundert—
zweiundfünfzig Nationalliberale, zweiundzwanzig Konservative,
dreiunddreißig Freikonservative und allenfalls noch fünfund—
vierzig Fortschrittler bildeten eine freundlich gesinnte Mehrheit
von zweihundertvierzig Stimmen gegen hundertfünfunddreißig
Stimmen der Opposition. So brachten denn die verbündeten
Regierungen die Heeresvorlage, die sie schon im Jahre 1873 ein⸗
gereicht hatten, ohne daß sie zur Beratung gelangt war, jetzt mit
um so größerer Zuversicht wieder vor den Reichstag. Sie ent—
hielt einen ganzen Entwurf der Heeresverfassung, der sich mit
einigen wesentlichen Verbesserungen den bestehenden Verhältnissen
anschloß, und im ersten Paragraphen die Bestimmung, daß die
Friedenspräsenzstärke bis zu anderweitiger gesetzlicher Regelung
ein Prozent der Bevölkerung, also 401659 Mann betragen solle.
Hatte man aber auf glatte Annahme dieser Vorlage im
Reichstage gerechnet, so sah man sich bald getäuscht. Der
politisch lebendigere Teil der Nationalliberalen, die Berliner und
die Herren aus Altpreußen, sah in der Festlegung der Präsenz⸗
ziffer des Heeres nicht von Jahr zu Jahr, sondern auf unbestimmte
Dauer, die Abschaffung des Rechtes des Reichstages, die Steuern
zu bewilligen: denn für das Heer vornehmlich steuere man; seien
aun die Ausgaben hierfür durch die Präsenzziffer festgelegt, so
werde das Steuerbewilligungsrecht des Reichstags illusorisch.
Also müsse die Präsenzziffer von Jahr zu Jahr festgestellt werden.
Demgegenüber erwiderte die Regierung, unmöglich künne
sie die Bafis aller Heeresverfassung, die Präsenzziffer, jährlicher
Bewilligung aussetzen: das untergrabe alle Grundlagen ihrer
militärischen Berechnungen; mache das Schicksal des Reiches
von wandelnden Abstimmungen abhängig; zerstöre jede Mög—
lichkeit einer festen auswärtigen Politik, die von stabilen Heeres⸗
verhältnissen abhänge.
Unausgleichbar erschienen zunächst diese auch vielfach noch
durch parteipolitische Einzelvorgänge stärker entwickelten und
verwickelten Gegensätze; auch Moltke brachte in der längsten und
bewegtesten Rede, die er wohl jemals im Reichstage gehalten hat,
die Opposition von ihrer Haltung nicht ab; Bismarck aber war