Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

74 Fünfundzwanzigstes Buch. Drittes Lapitel. 
Zeiten der Reaktion, soweit sie Deutschland berührten: denn 
diese bildeten den Auftakt zu dem gewaltigen Rhythmus der 
militärischen und diplomatischen Ereignisse in den folgenden 
Jahrzehnten. — 
Als europäischen Schiedsrichter konnte sich anfangs der 
fünfziger Jahre mit einigem Rechte der russische Kaiser 
Nikolaus J. betrachten. Vor allem die deutschen Mächte waren 
aufs festeste an ihn gekettet durch die reaktionäre Richtung 
ihrer inneren Politik: denn stets war Rußland bis dahin noch 
als fester Halt gegenüber dem westlichen Liberalismus erschienen. 
Zar Nikolaus konnte weiterhin auf die Dankbarkeit Osterreichs 
rechnen, dem er den ungarischen Aufstand hatte niederschlagen 
helfen. Freilich hatte Fürst von Schwarzenberg mit Rücksicht 
hierauf geäußert: sterreich werde die Welt noch einmal durch 
feine Undankbarkeit in Erstaunen setzen. Aber der energische Fürst 
war 1852 gestorben; und sein Nachfolger Buol-Schauenstein 
war nur sein Kopist. Preußen dagegen bewegte sich durchaus im 
Schlepptau der russischen Politik; schloß man doch vor einer 
Ankunft des Zaren in Berlin den Landtag, damit dessen Tagung 
nicht die Person des Zaren beleidige. Die deutschen Mittelmächte 
endlich hielten die Russen seit langem durch Heiraten fügsam. 
So traten dem Zaren höchstens England und Frankreich 
entgegen. Allein mit England glaubte er sich gelegentlich der 
Beilegung des schleswig-holsteinischen Zwistes gestellt zu haben: 
an der Aufrechterhaltung Dänemarks, der Verhütung der 
Germanisierung der Nordsee und Ostsee hatten Rußland und 
England das gleiche Interesse. Frankreich aber hatte damals 
eben den Staatsstreich hinter sich; man meinte Napoleon noch 
auf länger im Innern gebunden; auch war man geneigt, ihn 
persönlich eher zu unterschätzen. So hat ihn, bis auf einen ge⸗ 
wissen Grad freilich schon unter einem inneren Umschwung seines 
Urteils, noch um die Mitte der fünfziger Jahre Moltke geschildert. 
„Ich hatte mir Napoleon größer gedacht; er sieht zu Pferde sehr 
gut aus, zu Fuß weniger. Eine gewisse Unbeweglichkeit seiner 
Züge und der, ich möchte fast sagen, erloschene Blick seiner Augen 
fiel mir auf. Ein freundliches, ja gutmütiges Lächeln herrscht
	        
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