Zweite Stufe der kleindeutschen Lösung der Einheitsfrage. 621
so verpflichtet sich hiermit der andere Hohe Kontrahent, dem
Angreifer gegen seinen Verbündeten nicht nur nicht beizustehen,
sondern mindestens eine wohlwollende neutrale Haltung gegen
den Hohen Mitkontrahenten zu beobachten. Wenn jedoch in
solchem Falle die angreifende Macht von seiten Rußlands, sei
s in Form aktiver Mitwirkung, sei es durch militärische
Maßnahmen, welche den Angegriffenen bedrohen, unterstützt
werden sollte, so tritt die in Artitel J dieses Vertrages fest⸗
gesetzte Verpflichtung des gegenseitigen Beistandes mit voller
Heeresmacht auch in diesem Falle sofort in Kraft, und die
Kriegführung der beiden Hohen Kontrahenten wird auch dann
eine gemeinsame bis zum gemeinsamen Friedensschluß.
Wie man sieht, richtet sich der Vertrag in erster Linie
gegen Rußland, erst in zweiter gegen Frankreich: denn schon
nach der geographischen Lage des Deutschen Reiches und Oster⸗
reichs kommt nur Frankreich im Grunde als die in Artikel II
genannte dritte Macht in Betracht; höchstens an Italien könnte
daneben auch noch gedacht werden. Dieser Charakter des Ver⸗
trages entspricht nun genau der Lage des Jahres 18709. Oster⸗
reich war es an erster Stelle, das seit 1876 den Angriff
Rußlands zu fürchten hatte, daneben erst seit 1879 auch das
Deutsche Reich. Frankreich spielte um diese Zeit in den Be⸗
fürchtungen der Zentralmächte erst die zweite Rolle. Indem
ber der Vertrag den unruhigen Wünschen im Westen wie im
Osten Europas Halt gebot, war er recht eigentlich ein europäischer
Friedensvertrag. Noch mehr gewann er diese Bedeutung dann
durch den Beitritt Italiens.
Italien war seit 1878, vornehmlich durch den Sieg der
klerikalen Interessen in Frankreich, auf die Seite des Deutschen
Reiches gedrängt worden. Diese Haltung hatte dann im Jahre
1875, zur Zeit des französischen Aufschwunges nach der Ab⸗
lehnung der Krone durch den Grafen von Chambord, eine
Unterbrechung erfahren. Damals scheint, im Zusammenhang
mit den französischen Hoffnungen gegen Deutschland, Graf Beust,
der österreichische Botschafter in Paris, den Absichten seines Chefs
Andrassy entgegen für eine katholische französisch-italienisch⸗