Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 643 
mit ihm identifizieren könne, und von früh auf frommen, ja 
mystischen Neigungen zugewandt, die durch epileptische Anfälle 
noch verstärkt worden waren, gab er sich ganz in den Schutz der 
von jeher durch ihn besonders verehrten heiligen Jungfrau und 
ergriff unter ihrer besonderen Leitung, an die er innig glaubte, 
theologisch unwissend, staatsmännisch wenig überlegt, doch voll 
naiver, sanguinischer Selbstbewußtheit, die geistliche und, wie er 
es betrachtete, damit zugleich auch staatliche Regierung der Welt. 
Und wie kam ihm in dieser Hinsicht die Strömung der 
Zeit in den westeuropäischen Ländern, der wichtigsten Domäne 
des papalen Einflusses, entgegen. Die Revolution war vorüber; 
hinter dem Nebelvorhange ihrer abziehenden Gewölke trat das 
Bild einer neuen restaurativen AÄra hervor, deren Erscheinungen, 
gesteigert gegenüber dem Charakter der Restauration im Be⸗ 
ginn des Jahrhunderts, dem Papsttum auch gesteigerten Ge⸗ 
winn verhießen. Pius begann mit einer Reihe von Selig⸗ 
sprechungen namentlich jesuitischer Frommer und verzückter 
Frauen: zum ersten Male wiegte er sich in dem berauschenden 
Gefühl geistlicher Allgewalt. 
Dann griff er ein Werk an, das ihm besonders am Herzen 
lag: eine neue Erhöhung der Jungfrau Maria, deren Fürbitte 
er seine Ruckkehr nach Rom zu verdanken überzeugt war. Eine 
von ihm berufene Kommission gab im Dezember 1853 das 
Votum ab: „daß der Jungfrau Maria wegen ihrer über alles 
Menschliche hinausgehenden Heiligkeit und Gnade, die sich 
durchaus nicht natürlich erklären lasse, auf Grund der Schrift, 
der Tradition und des bisherigen Kultus eine von Erbsünde 
unbefleckte Empfängnis zugeschrieben werden müsse“. Einer 
Lieblingslehre der Jesuiten, die von den wichtigsten Vertretern 
der mittelalterlichen Kirche verworfen worden war, wurde 
damit eine erste Wegstrecke zur dogmatischen Fixierung gebahnt; 
das Dogma von der Erbsünde erschien durchbrochen. 
Darauf holte der Papst die Zustimmung der Bischöfe zu 
der neuen Lehre ein, und er erhielt sie, — man wußte, es 
handelte sich ihm um einen Herzenswunsch — von vierhundert⸗ 
uͤndvierzig Prälaten. Nun hatte nur noch ein Konzil von
	        
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