Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

670 Fünfundzwanzigstes Buch. günftes Kapitel. 
einstweilige Vertreter Deutschlands bei der Kurie, der Legations— 
rat Stumm, die Abberufung. So ward das kommende Jahr 
von vornherein zu einem ersten großen Jahre des Kampfes. — 
In dem Wahlaufruf der Fortschrittspartei vom 28. Mai 
1873 führte Virchow aus: „der Streit habe den Charakter 
eines großen Kulturkampfes der Menschheit angenommen“. Es 
sind die Worte, die der nun beginnenden Zeit die politische 
Aufschrift verliehen haben. Und sie enthalten, entkleidet man 
sie der Übertreibung des Augenblicks, in der Tat eine Wahr⸗ 
heit. Nicht um Kirche und Staat, nicht um den Katholizismus 
des Vatikanums und die politischen Gewalten der zweiten Hälfte 
des 19. Jahrhunderts allein wurde in diesem Zwiste gestritten, 
sondern um Mittelalter und Neuzeit der deutschen Nation, ja der 
romanisch-germanischen Völkerfamilie. 
Die Tendenzen, welche die katholische Kirche aus dem 
Mittelalter als die eigenartigen gerade ihrer Ausgestaltung des 
Christentums mitgebracht hatte: Unterordnung der Persönlichkeit 
unter den für deren tiefste Bildung als maßgebend hingestellten 
Formalglauben der Kirche, Gehorsam in geistigen und geist⸗ 
lichen Dingen an Stelle subjektiv und frei gewonnener Über— 
zeugung, stritten mit der Weltanschauung der neueren und 
neuesten Zeit, die die Selbstverantwortlichkeit und darum die 
Selbsterziehung und geistige Selbstausstattung des Individuums 
als höchste Ideale kennt. Ja mehr: das Jugendzeitalter unseres 
Volkes, wie es sich in der geistigen Gebundenheit noch des 
Mittelalters zeigt und in der Form kirchlicher Tradition hinein 
noch ragt in die Neuzeit, stritt mit dem Manneszeitalter, wenn 
nicht gar den hier und da schon zutage tretenden Zeichen greisen— 
hafter Verbildung. 
So gab es in diesem Kampfe, betrachtet man ihn als 
Ganzes, nicht Recht und Unrecht im einfachen moralischen 
Sinne: diese Begriffe lassen sich nur auf den Einzelverlauf, 
die Einzelmaßregeln beziehen. Ins Ganze betrachtet kämpften 
Tendenzen herber Gebundenheit, männlicher Freiheit, absterbender 
Zerfahrenheit miteinander. Der Wunsch jedes Deutschen aber 
konnte nur sein, daß sie alle sich so durchdringen möchten, wie
	        
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