Kapitel IV. Die auf dem Christentum beruhenden Lehren.
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§1. Die Schule Le Play’s.
Unter den christlich-sozialen Schulen steht die Schule Le Play’s ')
dem klassischen Liberalismus am nächsten, und einige ihrer Vertreter
gehören sogar beiden Lagern gleichzeitig an. Sie hat die gleiche
Antipathie gegen den Sozialismus und das gleiche Mißtrauen gegen
die Einmischung des Staates.
Auf der anderen Seite aber trennt sie sich durchaus von der
liberalen Schule, hauptsächlich in deren optimistischer französischer
Form, und zwar durch die kategorische Leugnung des Prinzips, daß
das Wohl des Individuums sich automatisch verwirklichen wird. Nein,
der Mensch kennt das Gute nicht. „Der Irrtum“ ist in der sozialen
Wissenschaft die Tatsache, die am zahlreichsten und klarsten zutage
tritt. Jeder Neugeborene, der zur Welt kommt, bringt die Neigung
zum Übel mit sich, und Le Play sagt eindrucksvoll; „Jede neue
Generation gleicht einem Einfall kleiner Barbaren; wenn die Eltern
es versäumen, sie durch die Erziehung zu zähmen, ist der Verfall
unausbleiblich“ 1 2 3 * * * * ).
Unter diesen Irrtümern greift Le Play mit der größten Heftigkeit
besonders die an, auf die der bürgerliche Liberalismus sich beruft, „die
falschen Dogmen von 1789“ 8 ). Jede Gesellschaft, die leben will, muß
sich reformieren, anstatt sich von sogenannten natürlichen Gesetzen
regieren zu lassen, die nichts weiter als Instinkte sind, die gezähmt
werden müssen. Deshalb nennt sich das wichtigste Buch Le Play’s
1 ) FüßDrämc le Play (1806—1882), Schüler der „Ecole polytechnique“, Berg
ingenieur, dann Professor an der „Ecole des mines“ und Staatsrat, veröffentlichte
1855 eine Sammlung von Monographien über Arbeiterfamilien unter dem Titel:
Les OuTriers europeens, in einem In-folio Bande (die zweite Ausgabe erschien
1877 und umfaßt 6 Bände in 8°). Im Jahre 1864 legt er seine Lehre in dem
Buche La Eeforme Sociale dar, ein Buch, das Montalbmbert als „das
originellste, tapferste, nützlichste und in jeder Hinsicht gewaltigste dieses Jahr
hunderts“ bezeichnete. Diese Epitheta müssen sich zwar viele Abstriche gefallen
lassen, doch ist es sicherlich wahr, daß die pessimistischen Voraussagen dieses
Buches über die Zukunft Frankreichs sich in vielen Punkten bewahrheitet haben.
Le Play schuf 1856 La SoCiete d’Economie Sociale, die seit 1881 eine
Zeitschrift La Eeforme Sociale herausgibt. Er war der Organisator der Welt
ausstellung von 1867 und der Begründer der ersten sozial-wirtschaftlichen Aus
stellungen. Vgl. als Zusammenfassung seines Lebens und seines Werkes: Frederic
Le Play d’apres 1 ui-meine, von Aübuhtin, Paris (1906).
2 ) Programm der „Unions de la Paix sociale“, Kap. I.
3 ) „Der schwerste und gefährlichste Irrtum, der wirkliche Urgrund unserer
■Revolutionen ist das falsche Prinzip, das die Erneuerer von 1789 praktisch aus
zuführen vergaben, das Prinzip, das die ursprüngliche Vollkommenheit behauptet . . .
und das besagt, die aus natürlichen Menschen zusammengesetzte Gesellschaft würde
ohne Anstrengung Frieden und Glück genießen, die sozusagen die spontanen Früchte
jeder freien Gesellschaft wären“.