Ursprung, Verlauf und Ausgang des Kulturkampfs. 719
tränkten. Was ist seitdem in und über uns alles geworden:
welche Wandlungen hat die Seele der Nation durchgemacht;
wie verschieden, wie unendlich verschieden sind wir von unseren
Ahnen!
Und indem wir aus den eisigen Hochfirsten unserer Vor—
und Urzeit und aus den noch viel verschlungenen Hochwald⸗
gebieten unseres Mittelalters, wie aus den schon weit kulti⸗
bierteren Hügelregionen späterer Jahrhunderte heimkehren in
unsere Zeit, zu uns selbst, indem wir in den Gegenden, die
wir durchwandern, nun schon Ordnung und ruhigen Linien⸗
fluß einer völlig gebändigten Landschaft wahrnehmen, bis uns
einzelne Gegenstände als längst bekannt entgegentreten und
manch lieber Baum im Wiesengrund, manch Waldesriese uns
vielleicht schon die Frage entlockt, wie ihm wohl der letzte
schwere Winter oder die letzte Dürre des Sommers bekommen
sei: tauchen wir in jenes wohlige Gefühl zeitlicher Distanz
und doch gegenwärtigen Genießens und Verstehens ein, das
man weniger historischen Sinn als geschichtliches Gefühl,
besser noch geschichtliches Empfinden nennen möchte. Und in
ihm wandern wir vorwärts, getrost und voll einer bewußten
Sicherheit, daß sich nichts in den Schicksalen unseres Volkes
vollzogen habe, vollziehe oder vollziehen werde, zu dem wir
nicht Beziehungen inneren Lebens nicht nur, nein zumeist auch
einen Schlüssel geschichtlichen Verständnisses oder wenigstens
Verständnisbestrebens besäßen. Und so finden wir uns in einer
Vaterlandsliebe zusammen, die mehr ist als Enthusiasmus,
mehr als Tradition und mehr als bloße natürliche Liebe, die
Erlebthaben bedeutet. Und in diesem Gefühle, das uns jeden
Ort, jede Flur, jede Halde und jeden Haug unseres Vater⸗
landes erscheinen läßt wie eine Kindesheimat und ein liebes
Vaterhaus; das uns an sich zieht aus jeder Fremde und uns
an den Grenzen deutschen Wesens den ersten Laut unserer
Sprache, das erste Hoheitszeichen unseres Staates, die ersten
lagernden Giebeldächer unserer Dörfer und die ersten ragenden
Tuͤrme unserer Städte begrüßen heißt mit einem stillen und
doch überschwenglichen inneren Klang von tausend Stimmen: