Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

II. 
Es hat eine Zeit gegeben, in der die politische Geschichte 
— 
internationale Beziehungen und Einflüsse bestimmt erachtet wurde. 
Heute braucht wohl kaum gesagt zu werden, daß eine solche 
Auffassung der Geschichte eines wirklich starken Volkes kaum 
—D 
Allein war sie nicht noch in den fünfziger Jahren des 19. Jahr⸗ 
hunderts in der Tat für den deutschen Historiker der Ausdruck 
einer ständig gemachten Erfahrung? Man muß sich in die 
psychischen Einzelheiten dieser Erfahrung versenken, um zu ver⸗ 
stehen, wie sehr der allgemeine Gang der äußeren europäischen 
Politik in den fünfziger Jahren mit seinem glänzenden Abschluß 
in der nationalen Einheitsbewegung Italiens auf die Wandlung 
der Geister auch in den inneren Zuständen Deutschlands ein— 
wirken mußte: schon dieser Gang machte eine Wendung in 
Deutschland zu Nationalismus und Liberalismus, machte eine 
der Reaktion nach 1848 entgegentretende „neue AÄra“ wahr⸗ 
scheinlich. 
Diese neue Ära lag aber auch nach dem Kern der inneren 
deutschen Entwicklung in der Luft. Schon die bloße psychische 
Reaktion gegen die „Reaktion“, gegen den politischen Geist der 
Unfreiheit, der nun fast ein Jahrzehnt waltete, mußte dazu 
führen. Da sprach wohl Bogumil Goltz von der Mattherzigkeit 
der Reaktionsjahre, in der die Menschen nur ebensoviel Seele 
gehabt hätten, daß das Fleisch nicht faule: und löste damit 
Tausenden, die ebenso dachten, die Zunge. Da empfand man 
die prinzipielle Betrachtung der Politik, wie sie noch in den 
bierziger Jahren durchaus gewöhnlich gewesen war, durch die
	        
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