Full text: Anhang. Bibliographie. Register (Bd. 12 = Schlußbd.)

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Anhang. 
seins im Thäter besteht. Ja, indem er die Bestimmung von 
Gut und Böse nicht in den Dingen selbst, sondern im Willen 
Gottes sucht, giebt er eine, allerdings nur von Gottes Gebot 
abhängige Relativität der positiven Normen der Sittlichkeit zu: 
eine Annahme, welche die weiteste Aussicht in die Entwicklung 
der Folgezeit eröffnet. Und auch in Deutschland hatten Abälards 
ethische Lehren bleibenden Einfluß, wenn sie auch vorläufig 
durch andere Richtungen verdrängt wurden. Im Allgemeinen 
brachte, entsprechend dem entwickelteren Verständniß für die 
Individualität, die Verbreitung der Schriften des Aristoteles 
zur Ethik und Psychologie in den ersten Jahrzehnten des 
13. Jahrhunderts ein neues Leben in die Bearbeitung dieser 
Disciplinen. Aber wie weit war man auch jetzt noch davon 
entfernt, die ethischen Wirkungen des individualen Bewußtseins 
auf Andere seines Gleichen oder sein Verhältniß zu den all— 
gemein geltenden Gesetzen der Moral in den Vordergrund zu 
stellen! Alles, was die großen Scholastiker, ein Albert, ein 
Thomas leisteten, war nur eine Systematisierung oder Classifi⸗ 
cation der Seeleneigenschaften und der Tugenden, eine Section 
der Seele als solcher. Man unterschied wol die sittliche Anlage 
und das Gewissen, man sprach außer von den Cardinaltugenden 
der Alten auch von den vier Tugenden, welche Aristoteles auf⸗ 
gestellt, und fügte die theologisch-christlichen Tugenden des 
Glaubens, der Liebe, der Hoffnung hinzu. Man fand sogar 
in dieser Spaltung noch kein Genüge und nahm die plotinische 
Unterscheidung zwischen politischen, purgatorischen und exempla⸗ 
rischen Tugenden wieder auf. Zu alledem kam ein mehr oder 
weniger strenger Determinismus, der von vornherein eine vor— 
artheilsfreie Abschätzung individueller Kraft erschweren mußte. 
Vorläufig beruhigte sich das Verständniß der Menge bei 
diesen Leistungen, deren Vollendung man um 1250 setzen darf, 
denn sie blieben weder zurück hinter den populären Anschauungen 
der Zeit, noch eilten sie diesen voraus. Grade in dieser Epoche 
nemlich war die Kenntniß des Individualen in weiteren Kreisen 
bis zur Aufspürung einzelner seelischer Triebe und Eigenschaften 
»orgedrungen; man ließ mit Vorliebe Personificationen dieser
	        
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