Ueber Individualität im deutschen Mittelalter. 33
die Geschichte individualer Entwicklung? — Die ersten Triumphe
reicherer Ausbildung feierte das Sonderleben der Persönlichkeit
im Clerus: die Kirche wurde in ihren Fürsten die Trägerin
dieser Erscheinung. Sie war schon früher ebenso kosmopolitisch,
als national, später überwog noch mehr der allgemeine Gesichts—
punct; sie wirkte zur Entwicklung der Persoönlichkeit fast nur
durch die lateinische Sprache und drang deshalb wenig in das
Volk; schließlich verbaute sie sich selbst ihren Einfluß durch eine
dem Individuum feindliche Entwicklung des Dogmas. Ihre
Erbschaft in der Ausbildung des Individualen trat der Adel
an. Er öffnete seine Pforten im 12. Jahrhundert den hervor—
ragendsten Geistern aus fast allen Ständen der Nation — aber
er schloß sie selbst wieder im 13. Jahrhundert; er drang weiter
hinein in die Menge als der Clerus, sein Organ war die
deutsche Sprache — aber diese Sprache wurde der Ausdruck
einer Standespoesie, welche sich gegen die untern Kreise des
Volkes vornehm abschloß; er strotzte in seinem Erblühen von
der reichsten Fülle echt nationaler Kräfte — aber sein Verfall
zeigt ihn halb entnationalisiert in den Banden von Anschauungen
und Sitten, welche in Frankreich erstanden waren. Am Ende
des 18. Jahrhunderts hatten Adel und Geistlichkeit, die
herrschenden Stände des Volkes, von der süß-betäubenden
Frucht individualer Entwicklung im Uebermaß genossen, und sie
hatten sich nicht immer von Neuem zu stärken vermocht aus
dem frischen Born nationaler Sitte und Eigenart. Sie hatten
die Fühlung verloren mit den numerisch unendlich überlegenen
Schichten der unteren Stände, ihre Ausbildung schweble in
der Luft ohne volksthümliche Grundlage. So schädigte ihr
daedalisches Streben aufs Tiefste die nationale Entwicklung.
Gewiß: die Verbindung mit Italien; die staatskirchenrechtlichen
Kämpfe, wie sie Jahrhunderte erschüttert hatten und Jahr⸗
hunderte noch erschüttern sollten; der unselige Einfluß bes
imperatorischen Gedankens; dies und manches Andere hatte
die deutsche Macht empfindlich geschwächt; — aber man möge
es nicht vergessen, daß die Entnationalisierung und damit der
Lamprecht, Deutsche Geschichte. XII. 3