I.
1. Bisher ist auch für das Gebiet der Dichtung schon
nebenher der Gegensatz eines physiologischen und eines psycho—
logischen Impressionismus eingeführt worden, obwohl der Nach⸗
weis einer Entwicklung innerhalb dieses Gegensatzes erst für
die bildende Kunst erbracht worden ist. Jetzt, wo der all—⸗
gemeine Charakter der modernen Dichtung als der Poesie eines
verstärkten Wirklichkeitssinnes feststeht, ist es an der Zeit, diese
Gegensätze auch innerhalb der Dichtung genauer aufzusuchen
und nachzuweisen. Sind sie deutlich erfaßt, so ist der Schleier
der Entwicklung der modernen Dichtung gelüftet.
Man wird dabei diese Gegensätze am ehesten hoffen dürfen
bei den Hauptvertretern der ersten und der zweiten Phase der
modernen Lyrik zu finden. Als Hauptvertreter gilt nun für die
erste Phase schon jetzt unbestritten v. Lilieneron; für die zweite
Phase sind Stephan George und Hugo von Hofmannsthal nebst
den um sie stehenden Dichtern als zuständigste, wenn auch in
mancher Hinsicht etwas extreme Vertreter auch schon ziemlich all⸗
gemein anerkannt, und jedenfalls bilden sie die weitaus deutlichste,
greifbarste und charakteristischste Gruppe innerhalb der jüngsten
Entwicklung.
Zunächst von Liliencron. Liliencron, 1844 zu Kiel ge—
boren, preußischer Offizier in den Feldzügen von 1866 und
1870,71, nahm als Hauptmann seinen Abschied und hat 1884,
also vierzigjährig, seine erste Gedichtsammlung, die Adjutanten⸗
ritte, erscheinen lassen. Später folgten andere Sammlungen,
auch Dramen und Epen; die Blütezeit der ersten Periode des
Dichters liegt in den achtziger Jahren.