Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
worden war, entsprechend der vornehmlich künstlerischen Vor— 
wärtsentwicklung der Nation seit den fünfziger Jahren. Aber 
das Drama geht doch über all das noch hinaus. Das Thema 
des Pantheismus mit seinen zahlreichen Variationen ist das 
große Problem der europäischen Welt seit den Tagen Giordano 
Brunos; die Neuzeit lebt und webt in ihm; über Jahrhunderte 
erstrecken sich die Lösungsversuche der Fragen, welche die „Ver—⸗ 
sunkene Glocke“ anregt. 
So ist auch die Form nicht mehr die des naturalistischen 
Impressionismus. Sie ist sozusagen dauerhafter empfunden 
als bloß modern, und sie nimmt darum manches vom alten 
Drama auf. Der Inhalt des Ganzen ist zwar einfach und 
läßt der Schilderung Raum; dennoch ergiebt sich gegenüber 
dem reinen Katastrophendrama ein Mehr von Handlung, und 
zu deren Lösung werden einige Verwicklungen nicht gescheut. 
Fernab stehen wir dem Intriguendrama, aber auch die Grenze 
des Zustandsdramas ist überschritten. Eine neue Auffassung 
des Schicksals, dem gegenüber die Selbständigkeit des Helden 
größer erscheint als bisher, schafft eine neue dramatische Form. 
Und auch im Einzelnen der Technik vollzieht sich ein Aus— 
gleich zwischen alt und neu. Das Märchendrama scheint den 
Vers zu verlangen: er tritt auf, und zwar in einzelnen Partien 
in großer Schönheit und Vollendung. Aber gleichwohl bleiben 
die wesentlichen Errungenschaften des naturalistischen Im— 
pressionismus. Die Charakteristik ist scharf und scheut keine 
Härten. Für den Bau der Sprache und des Verses ist es 
bezeichnend, daß mitten unter hochdeutsch redenden Personen 
die alte Wittichen sich ihres ebenfalls in Verse gebrachten 
gründlich dialektischen Schlesfisch bedienen kann, ohne daß das 
in Sprache wie Rhythmus auffällt. Ja gerade der Vers wirkt 
hier versöhnend. Das krasse Nebeneinander von Wirklichkeits— 
und Phantasiescenen in „Hanneles Himmelfahrt“ wird dadurch 
oermieden; die höhere Form mildert, ja verbindet die Gegensätze. 
Nach der „Versunkenen Glocke“ ist Hauptmann neuerdings 
noch einmal in „Schluck und Jau“ (1899) halb und halb auf 
die Form des Märchendramas zurückgekommen. Schluck und
	        
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