Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Weltanschauung. 
momente hin ein, die sich oben als ein Erfordernis der all— 
gemeinen wissenschaftlichen Entwicklung unter dem Zeichen des 
modernen Seelenlebens ergeben hat. 
Nun ist aber die Geschichtswissenschaft noch weit davon 
entfernt, eine Aufgabe wie die ihr soeben zugewiesene mit 
allen Kräften übernehmen zu können. 
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in einem 
Zeitalter, das im Grunde nur das isolierte Individuum kannte 
und über diesem als eine mechanische Zusammenfassung der 
Individuen, als einzige menschliche Gesellschaftsform den Staat: 
in einer solchen Zeit war die Geschichte in erster Linie Staaten— 
geschichte geworden. Und dabei ward diese Staatengeschichte 
noch gern, nach der Tradition einer noch älteren, rein personen⸗ 
geschichtlichen Auffassung, als Regentengeschichte vorgetragen, 
so sehr auch die Jurisprudenz zu einer allgemeineren Auffassung 
hindrängte. 
Dann kam die große seelische Revolution der Mitte des 
18. Jahrhunderts; das Individuum wurde als soziales erkannt, 
und Herder schrieb aus einer zwar noch sehr unklaren, aber 
doch schon mehr sozialgeschichtlichen Anschauung heraus seine 
Ideen zur Geschichte der Menschheit. 
Allein er drang mit seiner Ansicht nicht durch. Zwar 
erblühte in der zweiten Hälfte des 18. und in den ersten 
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine vielfach mit primitiven 
soziologischen Auffassungen durchtränkte, heute übrigens über 
Gebühr unbekannte Geschichtsschreibung und stand teilweis 
wenigstens unter der Anregung Herders. Allein sie ist unter 
den Einwirkungen Kants und der romantischen Gedankendichtung 
früh zu Grunde gegangen. Kant war als Vertreter einer Philo⸗ 
sophie, die Altes und Neues verschmolz, der große Gegner 
Herders; und Kant setzte darum, auf historischem Gebiete noch 
besonders konservativ, den rationalistischen Staatsbegriff, wenn 
auch in einiger Abwandlung, wieder in sein altes Recht ein 
als einziges soziales Element des geschichtlichen Verlaufes. 
Seitdem stand es für die Historiker der Zeiten der Identitäts— 
philosophie und weit darüber hinaus erst recht für die historisch—
	        
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