Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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schichtsforschung darstellen. Dieses Glaubens hat denn bekanntlich 
auch Ranke im allgemeinen gelebt: der Entwicklungsgedanke, die 
Vorstellung von der immanenten Potenz stufenmäßiger Ent— 
faltung der Kultur in jeder großen menschlichen Gemeinschaft 
st ihm ständig fern geblieben; bearbeitet hat er vor allem 
die internationalen Zusammenhänge. 
Und nun ein weiteres! Erst mit dem Evolutionismus ist 
die Annahme einer allgemeinen Kausalität klar und unverbrüch⸗ 
lich in die Geschichtswissenschaft eingezogen. Wie konnte sie 
da Ranke bei seiner Auffassung, so sehr er folgerichtig kausal 
zu denken versuchte, schon völlig konsequent durchführen? — 
Er schwankte zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Vor allem 
aber erschien ihm der Wandel der größten ihm eben noch erkenn— 
haren historischen Zusammenhänge nicht in sich kausal ver— 
fnüpft, da er ihm nicht von Einfachem und Ursprünglichem 
zu Verwickeltem und Kulturhohem aufzusteigen schien. Vielmehr 
hielt er ihn, eben weil ihm das Motiv der kausalen Entwicklung 
ferne stand, im Grunde für nur durch das Einwirken besonderer, 
außergeschichtlicher Gewalten erklärlich. Es ist der Punkt, an 
dem der obschon bereits völlig abgeschwächte Paradieses— 
gedanke in Verbindung mit dem Fehlen des evolutionistischen 
Gedankens noch die Wirkung übte, eine organische Vorstellung 
des Lebensverlaufes einer menschlichen Gemeinschaft vom 
Primitiven zum Differenzierten zu verhindern. Als die besonderen 
außerempirischen Gewalten aber, die er als Beweger und 
Schöpfer der größten geschichtlichen Zusammenhänge heranzog, 
erschienen Ranke die Ideen. 
Woher kamen nun diese Ideen? Im 18. Jahrhundert 
vwvar man von der Erkenntnis einfacher geschichtlicher That— 
sachenzusammenhänge, z. B. des inneren Zusammenhanges 
der Ereignisse eines Römer- oder Kreuzzuges, zur Erkenntnis 
zrößerer Zusammenhänge, wie 3. B. des inneren Zusammen— 
hanges der Gesamtgeschichte des Papsttums oder des deutschen 
Kaisertums, fortgeschritten. Und man hatte das Gemeinsame 
einer solchen Gesamtgeschichte als ihre Idee bezeichnet. „Idee“ 
n diesem Sinne war also nichts gewesen als eine oberste
	        
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