VI.
Übersehen wir jetzt das Gebiet der modernen ethischen
und metaphysischen Anschauungen wie die Entwicklung der
Psychologie und Erkenntnistheorie und die Anfänge einer neuen
Wissenschaft in ihrem gegenseitigen Zusammenhang, so tritt
zunächst die Frage auf, wie denn die besondere Ausbildung der
modernen Seiten dieser Gebiete mit der seelischen Gesamt—
haltung der Zeit der Reizsamkeit zusammenhängen möge. Da
ist nun Eins von vornherein augenscheinlich: der Wieder⸗
geburtsgedanke, der in der einen oder der anderen Weise die
sittliche Bewegung der Gegenwart beherrscht, geht aus von
den Dichtern, Musikern, Künstlern der Periode; er ist getragen
von Seelen, deren Leben in stärkstem Zusammenhang mit der
Entwicklung der Reizsamkeit verlief. Und der am machtvollsten
wirkende Denker dieser Gruppe, Nietzsche, gehörte er nicht zu
den Dichtern und zu den Reizsamen noch insbesondere? Nietzsche
aber hat Wagner, der vor ihm am stärksten schuf, einen „Ver—
mischer der Künste und der Sinne“ und das heißt einen
Reizsamen besonders hohen Grades genannt. Und auch auf
metaphysischem Gebiete steht es nicht anders. Die moderne
Sehnsucht nach Befriedigung der Seele in fester und frommer
Weltanschauung war und ist in erster Linie eine Sehnsucht
der Künstler und Dichter. Und wenn wir zu den Denkern
übergehen: war Fechner als Metaphysiker noch Philosoph im
gewöhnlichen Sinne des Wortes?
Die Wissenschaft aber ist ebenfalls wie jede andere geistige
Thätigkeit abhängig von dem jeweiligen Charakter des Seelen—
lebens, und ihre Fundamente sind die psychologischen und