Full text: Geschichte der großen amerikanischen Vermögen (Bd. 2)

Fünfzehntes Kapitel 
DAS CARNEGIE-VERMÖGEN 
Der große Philanthrop 
E den Annalen des amerikanischen Kapitalismus gibt 
es kein bemerkenswerteres Beispiel von einem Multi- 
millionär, der seinen Namen fortpflanzt und den Beifall 
der ganzen Welt gewinnt, indem er ungeahnte Summen 
für öffentliche Zwecke stiftet — als Andrew Carnegie. 
Noch vor wenigen Jahrzehnten sah man in der Stiftung von 
einer Million Dollar, oder auch eines Teiles davon,” für 
wohltätige, religiöse oder erziehliche Zwecke durch einen 
Multimillionär eine Großtat. Mit der üblichen Phrase 
des Tages begrüßte man sie als „fürstliche Gabe‘ und pries 
den Stifter als freigebigen Philanthropen. Manche Leute 
sprachen freilich den Verdacht aus, er würde sich für seine 
Verschwendung schon schadlos halten, indem er die Preise 
für die Waren erhöhen oder dem Volke eine andere Form 
industrieller Besteuerung auferlegen würde. Aber diese 
zynische Haltung war weder üblich noch populär. Die 
Kreise, die von der Gunst und Güte der reichen Männer 
profitieren, waren ja gerade diejenigen, welche die öffent- 
liche Meinung beherrschten. Kirchen, Universitäten, Ver- 
leger und Politiker waren dem Reichtum im großen Ganzen 
ebenso unterwürfig wie heutzutage. 
Nun zeigte sich unwandelbar immer wieder dieselbe 
Erscheinung: wie rücksichtslos und brutal die Laufbahn 
des Multimillionärs auch gewesen war, durch was für fort- 
laufende Betrügereien und Räubereien er sein Vermögen 
auch erworben haben mochte — sobald er einen Bruchteil 
davon für philanthropische Zwecke weggab, durchlief sein 
Charakter, soweit das breite Publikum in Betracht kommt, 
eine vollständige Wandlung. Man bezeichnete ihn nicht 
länger als den gierigen Räuber; die Stimmen derer, die 
sein Siegeswagen zermalmt hatte, wurden von dem lauten 
Lobgeschrei übertönt, das seinen Wohltaten folgte. Seine
	        
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