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des Privateigentums war die gefährlichste Korruption. Man
hielt es einfach nicht für möglich, daß ein Reicher ein Ver-
brecher und eine Gefahr für die Allgemeinheit sein könne.
In verschiedenen Einkleidungen setzten Kirche, Schule,
Zeitung, Politiker und Richter diese Grundanschauung aus-
zinander.
Das Volk wurde mit Lobgesängen auf den Besitz über-
schwemmt. Aber der Wirkung dieser Predigten wurde mit
anderen Methoden nachgeholfen: wir sahen, wie die be-
sitzende Klasse nach der Revolution den Besitzlosen das
Stimmrecht vorenthielt. Sie fürchteten, der Besitz würde
alsdann die Regierung nicht länger beherrschen können.
Allmählich aber sahen sie sich genötigt, dem Verlangen des
Volkes nachzugeben und das allgemeine Stimmrecht zuzu-
lassen. Das schien ihnen neu und furchtbar: wenn die
Führung der Regierung vom Stimmrecht abhängen sollte,
dann könnten ja die Besitzlosen, die doch in der Majorität
waren, sie möglicherweise überwinden und gänzlich neue
Gesetze erlassen!
Aber in einem Staat nach dem andern mußte die be-
sitzende Klasse, nach langen Kämpfen, den Bürgern eine
Stimme bewilligen, ob sie Besitz hatten oder nicht.
Korruttion bei den Wahlen
Nun begann eine systematische Korruption der Wähler.
Die Politik, gewisse Gesetzgeber zu bestechen, damit sie
für Bank-, Eisenbahn- und andere Konzessionen stimm-
ten, wurde bis in die Bezirkswahlen ausgedehnt, um schon
an der Quelle der Macht die Abstimmung zu fälschen.
Die Besitzenden wirkten mit einem Teil des bei ihren
Geschäftspraktiken erworbenen Geldes teils durch persön-
liches Eintreten, teils durch die kleinen Politiker des
Tages auf die Wahlversammlungen und die Urwahlen
ein. Das war sowohl in ländlichen wie in städtischen
Gemeinden der Fall. In vielen Landbezirken war die all-
gemeine Moral äußerst niedrig trotz des fleißigen Kirchen-
besuches. Und in den Städten gab es und gibt es immer
3inen gewissen Prozentsatz Männer, Produkte der Indu-
striestädte, die durch Elend, Trunk und Ausschweifung so