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eine Unzahl amtlicher Berichte und Untersuchungen und
gerichtlicher Feststellungen liefern ein klares Bild. Er
wurde als der kaltblütigste Erpresser, Bestecher und finan-
zielle Pirat seiner Zeit hingestellt, und er verdiente diesen
Ruf so absolut, daß er ihm bis an das Ende seiner Tage treu
blieb und ihn überlebte, als ständiger Vorwurf gegen seine
Nachkommen. Fast ein halbes Jahrhundert lang ist der
Name Jay Gould ein Hohn- und Schimpfwort gewesen, ein
Gegenstand öffentlicher Schmähungen und Feindseligkeit,
die Bezeichnung für jedes gemeine und unlautere Ver-
gehen, wobei die Habsucht triumphiert.
Hier mag sich nun, wenn auch zum erstenmal, die Frage
erheben, warum gerade Jay Gould als Objekt dieses beson-
deren Hasses ausersehen wurde. Was für eine sonderbare,
irrige, wankelmütige Kritik, die diesen einen Mann zum
Sündenbock der kommerziellen Gesellschaft macht, während
sie seinen kaufmännischen Zeitgenossen die vollste Ehrerbie-
tung zubilligt!
Die Lehren der Umgebung
Um die Methoden und Ursachen von Goulds Laufbahn zu
verstehen, muß man die Umgebung kennen, in der er auf-
wuchs, ihren Geist und ihre Lehren. Er war, wie viele seines-
gleichen, nur ein Produkt seiner Zeit; und nicht der Mensch,
sondern die Zeiten sind von hauptsächlichem Interesse,
denn sie geben den Schlüssel zum Verständnis.
Was sah Jay Gould als junger Mensch? Er sah in erster
Linie, .daß die Gesellschaft, so wie sie organisiert war, weder
Geduld noch Mitleid mit der Armut hatte, die doch durch
ihr groteskes System geschaffen war. Wohl schwatzten die
höheren Klassen von dem Segen der Armut, wohl hielten
sie weitschweifige Predigten über die Tugend eines nütz-
lichen Lebens, das in „ehrenvoller Armut dahinfloß‘. Aber
all diese Lehren waren in gewisser Beziehung leeres, sinn-
loses Geschwätz; gerade die Klassen, welche sie so eifrig
predigten, waren am meisten bestrebt, allen nur irgend er-
reichbaren Besitz an sich zu raffen. In anderer Beziehung
hatten diese Lehren eine große Wirkung, wenn sie den