12 Mac Donald, Sozialismus
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eine soziale Funktion erfüllen. Der Sozialismus verlangt nichts von
alledem. Das Kindergebären ist manchmal eine soziale Verrichtung
und manchmal nicht. Wird es als solche betrachtet, so müßte der Staat
sicherlich Kontrollbefugnisse haben, bevor er zu bezahlen hätte, aber
das ist ganz unmöglich. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet,
scheint der Vorschlag, die Mütter zu dotieren, der Ausbruch eines
kranken Individualismus zu sein, der für einen Mann oder für eine
Frau das Recht fordert, schrankenlos einen selbstsüchtigen Willen zu
betätigen. Ein solcher Vorschlag ist kein Korollarium eines vernünf
tigen Planes sozialer Organisation, wie es der Sozialismus ist h
Was mir in der Frage der Ehescheidung die folgerichtigste sozia
listische Ansicht scheint, die auch der sozialistische Staat vertreten
muß, um seine eigene Existenz zu schützen, ist die, daß eine Ehe von
zwei vernünftigen und freien Menschen freiwillig eingegangen werden
soll — die wirtschaftlichen Bedingungen des Sozialismus werden diese
letzte Voraussetzung verwirklichen —, daß aber der Staat als dritter
beim Abschluß des Vertrages gegenwärtig sein soll und darauf be
stehen müßte, daß Mann und Frau ihre Verpflichtungen sich selbst
und der Gemeinschaft gegenüber, die durch ihre Handlungen berührt
wird, erfüllen. Die Ehe ist mit anderen Worten, von rein weltlichen
Gesichtspunkten aus betrachtet, eine persönliche Willenshandlung mit
sozialen Konsequenzen und muß deshalb der sozialen Anerkennung
unterworfen werden, die sich durch soziale Regeln ausdrückt. Die Fa
milie befindet sich teils auf dem Gebiete des Privatrechts, teils auf
dem der öffentlichen Verantwortlichkeit.
Die augenblickliche Tendenz ist zweifellos, das Eheband zu lockern.
Doch dies ist der Tatsache zuzuschreiben, daß ein Zug zum Indivi
dualismus durch die Lebensführung geht, die erschüttert wird, wenn
eine alte soziale Ordnung mit ihrem Zwange und ihren Beschränkun
gen zerbrochen wird, so wie heute die neuen Formen der wirtschaft
lichen Frauenarbeit die alten zersprengen; oder wenn alte Gewohn
heiten unter den Einfluß der Vernunft geraten, wie es jetzt der Fall
ist, dank dem veränderten geistigen Standort einer steigenden großen
Anzahl von Frauen, oder wenn Reichtum die gesunde Sittlichkeit
eines Volkes untergräbt, wie wir es gegenwärtig in der wohlhabenden,
1 Vom Momente der Armut, z. B. der Unterstützung verwitweter Mütter, sehe
ich oben natürlich ab; es handelt sich nur um den Anspruch der Kindergebärerin
als solcher an die Gesellschaft.