208 Sechstes Buch. Zweites Kapitel.
Was aber die Askese zumeist und bei allen innigen, mittel—
begabten Naturen wirkte, das war der Sinn der Weltflucht. In
ihm trafen sich die Frommen des Landes; hier fanden sie den
gemeinsamen Schwerpunkt ihrer Kraft; von hier aus wirkten
sie auf das allgemeine Kirchentum lösend, befreiend, befruchtend.
VI.
Das 9. bis 11. Jahrhundert ist in Deutschland das Zeit—
alter der Klausner und Klausnerinnen; nie haben fromme Ein⸗
siedel der Kirche mehr Heilige geliefert, von der heiligen Liut—
birg von Halberstadt bis zur heiligen Wiborad von St. Gallen
und von St. Humbert von Verdun bis zu Gunther, dem
trotzigen Waldbruder des böhmischen Gebirges. Alle Gegenden,
alle Stämme haben damals Vertreter des einsam-asketischen
Lebens gehabt, nicht zum wenigsten der letztbekehrte Stamm
der Sachsen. Hier lebte schon in Karlingischer Zeit die heilige
Liutbirg, bereits vor ihrer Einschließung in die Zelle durch
Fasten und Nachtwachen aufgerieben; der Körper außerdem zer⸗
arbeitet durch der Hände mühsamen Fleiß und gleichsam schon
erstorben im Hungertod; die Leibeskraft erschlafft, der lebhafte
Gesichtsausdruck in starrende Blässe gewandelt, die Haut
schlotternd um Knochen und magere Muskelmassen: das war
der Erfolg ihres nächtlichen Gottesdienstes. Nachdem sie aber
vom Bischof in ihre Klause gebannt war, um sie nie, außer
in echter Not, zu verlassen, diente sie Gott in unablässiger
Meditation, in Gebet und frommer Arbeit und nährte sich
allein von Brot, das sie mit Salz und Kräutern des Feldes
würzte, von Waldbeeren und wilden Apfeln; nur an Sonn⸗
und Festtagen empfing sie Fische und Hülsenfrüchte von milder
Hand. Um ein Jahrhundert später aber lebte die heilige Sisu
von Drübeck in Sachsen bei vierundsechzig Jahren in ihrer
Klause, ohne sie zu verlassen, ohne Kühlung in der Hitze des
Sommers, fast ohne Feuer in des Winters Kälte; Würmer
zernagten ihren Körper, die sie sich, fielen sie ab, in frommer
Wollust wieder ansetzte.
Was die Frauen derart in der Nähe bewohnter Orte in