Object: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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(ungen wieder interessant zu machen, wenn sie bereits drohen, aus 
eigener geistiger Armut und fortdauernder Wiederholung der alten 
Schlagworte aus zu grosser Langerweile zu veröden, und durch Auf- 
stellung eines neuen Kampfzieles den inneren Parteihader wieder zurück- 
treten und vergessen zu lassen, der sonst unzweifelhaft längst zur Zer- 
splitterung der Partei geführt haben würde. 
Wenn nun in der neueren Zeit das sozialdemokratische Ferment Schädigung 
(G. Adler) als ziemlich harmlos hingestellt ist, und ihm sogar nachge- durch das 
rühmt wird, dass es nur dadurch möglich gewesen wäre, durch Aufstellung Sozial. demolr 
schöner Ideale und Inaussichtstellung eines leicht erreichbaren goldenen . 
Zeitalters, Bewegung in die Arbeitermassen zu bringen, so scheint uns 
das doch zu weit gegangen, und wir glauben, dass eine langsamere 
Entwicklung der Bewegung ohne jenes lügenhafte Gewebe der jetzigen 
Art künstlicher Erregung bei weitem vorzuziehen gewesen wäre. Die 
Phantasie der Kinder mit Märchen anzuregen und zu entwickeln, hat 
unzweifelhaft seine volle Berechtigung; für Arbeitermassen erscheint 
uns dieser Weg weniger geeignet. Nicht nur, dass die Vorspiegelung 
eines Genusslebens ohne saure Arbeit, welches auf den Trümmern des 
modernen Staats- und Gesellschaftslebens leicht zu erreichen sein soll 
und nur eines Willensaktes der Arbeiterschaft bedürfe, um zur Reali- 
sierung zu gelangen, die Freudigkeit an der Arbeit untergraben muss, 
die fortdauernden Angriffe gegen Grund- und Kapitalbesitzer als 
Schmarotzer, die unberechtigter Weise von der Arbeit der übrigen Be- 
völkerung zehren, gegen die Unternehmerklasse, die sich auf Kosten 
jer Arbeiter bereichert, indem sie ihnen entzieht, was ihnen recht- 
mässig zukommt, muss Missgunst und Klassenhass in schlimmster Form 
gross ziehen. Was aber nicht genügend beachtet wird, ist, dass eben 
dadurch das Misstrauen, um nicht zu sagen, die Furcht unserer Staats- 
leiter gegen die Arbeiterklasse gross gezogen ist, und auch diejenigen, 
die ihr zunächst wohlwollend entgegentraten, kopfscheu wurden und 
Bedenken trugen, denjenigen entgegenkommend die Hand zu reichen, 
lie offenkundig die Zerstörung des Staates, der Gesellschaft und damit 
unserer ganzen Kultur lehren. Es unterliegt keinem Zweifel, dass 
unsere Arbeiterschutzgesetzgebung längst weiter ausgebaut wäre und 
den Arbeitern auch sonst mannigfaltigste Hülfe gewährt sein würde, 
wenn man nicht befürchtet hätte, damit zugleich die Macht der sozial- 
demokratischen Partei zu fördern. Es ist dies ebenso begreiflich, wie 
beklagenswert. Es liegt darin eine gewaltige Ueberschätzung der sozial- 
demokratischen Ideen, deren Unrealisierbarkeit sofort zu Tage treten 
muss, sobald man ihnen praktisch näher tritt, und eine Ignorierung 
des alten Satzes, dass falsche Ideen nicht durch Polizeigewalt zu 
bekämpfen sind, sondern durch eingehende objektive Untersuchung, und 
daher vor allem durch freie Diskussion. Zeigt doch der neueste 
Mauserungsprozess innerhalb der sozialdemokratischen Partei, dass einer 
der alten Lehrsätze nach dem anderen von ihren Anhängern selbst 
3ekämpft und widerlegt wird, sobald man sie sich selbst überlässt. Eis 
ist aber auf der Hand liegend, dass dieselben Gründe einen ganz 
anderen Eindruck machen, wenn sie von Mitgliedern der eigenen Partei 
ausgehen, als wenn sie von Aussenstehenden vorgebracht werden. Auf der 
anderen Seite liegt in jener Furcht eine merkwürdige Unterschätzung der 
festen Oroanisation unseres Staates und der Solidität des Baues unserer
	        
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