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(ungen wieder interessant zu machen, wenn sie bereits drohen, aus
eigener geistiger Armut und fortdauernder Wiederholung der alten
Schlagworte aus zu grosser Langerweile zu veröden, und durch Auf-
stellung eines neuen Kampfzieles den inneren Parteihader wieder zurück-
treten und vergessen zu lassen, der sonst unzweifelhaft längst zur Zer-
splitterung der Partei geführt haben würde.
Wenn nun in der neueren Zeit das sozialdemokratische Ferment Schädigung
(G. Adler) als ziemlich harmlos hingestellt ist, und ihm sogar nachge- durch das
rühmt wird, dass es nur dadurch möglich gewesen wäre, durch Aufstellung Sozial. demolr
schöner Ideale und Inaussichtstellung eines leicht erreichbaren goldenen .
Zeitalters, Bewegung in die Arbeitermassen zu bringen, so scheint uns
das doch zu weit gegangen, und wir glauben, dass eine langsamere
Entwicklung der Bewegung ohne jenes lügenhafte Gewebe der jetzigen
Art künstlicher Erregung bei weitem vorzuziehen gewesen wäre. Die
Phantasie der Kinder mit Märchen anzuregen und zu entwickeln, hat
unzweifelhaft seine volle Berechtigung; für Arbeitermassen erscheint
uns dieser Weg weniger geeignet. Nicht nur, dass die Vorspiegelung
eines Genusslebens ohne saure Arbeit, welches auf den Trümmern des
modernen Staats- und Gesellschaftslebens leicht zu erreichen sein soll
und nur eines Willensaktes der Arbeiterschaft bedürfe, um zur Reali-
sierung zu gelangen, die Freudigkeit an der Arbeit untergraben muss,
die fortdauernden Angriffe gegen Grund- und Kapitalbesitzer als
Schmarotzer, die unberechtigter Weise von der Arbeit der übrigen Be-
völkerung zehren, gegen die Unternehmerklasse, die sich auf Kosten
jer Arbeiter bereichert, indem sie ihnen entzieht, was ihnen recht-
mässig zukommt, muss Missgunst und Klassenhass in schlimmster Form
gross ziehen. Was aber nicht genügend beachtet wird, ist, dass eben
dadurch das Misstrauen, um nicht zu sagen, die Furcht unserer Staats-
leiter gegen die Arbeiterklasse gross gezogen ist, und auch diejenigen,
die ihr zunächst wohlwollend entgegentraten, kopfscheu wurden und
Bedenken trugen, denjenigen entgegenkommend die Hand zu reichen,
lie offenkundig die Zerstörung des Staates, der Gesellschaft und damit
unserer ganzen Kultur lehren. Es unterliegt keinem Zweifel, dass
unsere Arbeiterschutzgesetzgebung längst weiter ausgebaut wäre und
den Arbeitern auch sonst mannigfaltigste Hülfe gewährt sein würde,
wenn man nicht befürchtet hätte, damit zugleich die Macht der sozial-
demokratischen Partei zu fördern. Es ist dies ebenso begreiflich, wie
beklagenswert. Es liegt darin eine gewaltige Ueberschätzung der sozial-
demokratischen Ideen, deren Unrealisierbarkeit sofort zu Tage treten
muss, sobald man ihnen praktisch näher tritt, und eine Ignorierung
des alten Satzes, dass falsche Ideen nicht durch Polizeigewalt zu
bekämpfen sind, sondern durch eingehende objektive Untersuchung, und
daher vor allem durch freie Diskussion. Zeigt doch der neueste
Mauserungsprozess innerhalb der sozialdemokratischen Partei, dass einer
der alten Lehrsätze nach dem anderen von ihren Anhängern selbst
3ekämpft und widerlegt wird, sobald man sie sich selbst überlässt. Eis
ist aber auf der Hand liegend, dass dieselben Gründe einen ganz
anderen Eindruck machen, wenn sie von Mitgliedern der eigenen Partei
ausgehen, als wenn sie von Aussenstehenden vorgebracht werden. Auf der
anderen Seite liegt in jener Furcht eine merkwürdige Unterschätzung der
festen Oroanisation unseres Staates und der Solidität des Baues unserer