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1) Die Deutschen in Qesterreich-Ungarn.
Bevor wir dazu übergehen, die Zahl der Deutschen und
ihr Verhältniß zu anderen Völkerschaften in den einzelnen
Landestheilen Ocsterreich-Ungarns darzulegen, müssen wir
bemerken, daß die statistischen Angaben insofern ungenau sind,
als die Zählungen nicht nach der Nationalität sondern nach
der Sprache vorgenommen werden. Im Allgemeinen freilich
deckt sich die Nationalität so ziemlich mit der Sprache; in
Oesterreich-Ungarn ist dieses jedoch keineswegs der Fall, da hier
in einzelnen Landestheilen der asiatische Volksstamm der Juden,
welcher neben Resten der eigenen gewöhnlich die Sprache der
jenigen Völker spricht, unter denen er sich gerade befindet, so stark
vertreten ist, daß seine Zahl unmöglich vernachlässigt werden
darf. Man zählt weit über anderthalb Millionen Juden in
der Habsburgischen Monarchie, mindestens vier Prozent der
Gesammtbevölkerung. Die Juden find jedoch keineswegs gleich-
mäßig über die Monarchie vertheilt, sondern in einigen Ländern
kommen sie fast gar nicht vor, während sie in anderen wieder
außerordentlich zahlreich sind, ja in gewissen Gegenden, beson-
ders innerhalb der früher polnischen Landestheile, die Mehrzahl
der Bevölkerung ausmachen. Abgesehen von der Hauptstadt
Wien ist das Judenthum am stärksten in der Bukowina, Ga
lizien und Ungarn, sodann in Böhmen und Mähren vertreten,
^lm geringsten ist die Zahl der Juden in den österreichischen
Alpenländern. Ganz Oesterreich-Ungarn wird nach der letzten
Zählung, derjenigen im Jahre 1880, bei einer Gesammtbevölkerung
von 37 533 606 Seelen von 9962775 Deutschen bewohnt; letztere
machen also etwa 26,5 Prozent aus.
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