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2) Die Deutschen in Rußland.
Ueberall im weiten Zarenreiche finden sich Deutsche, von
der preußischen und österreichischen Grenze bis zum Uralgebirge
und zum Kaspischen See, vom Weißen bis zum Schwarzen
Meer, von der Ostsee bis zum Kaukasus. Schwerlich ist ein
Gouvernement vorbanden, das nicht mindestens einige Hundert
Deutsche unter seinen Bewohnern zählte. Eine nur einiger
maßen erschöpfende Darstellung der Verbreitung des Deutsch
thums über das russische Kaiserreich und der mannigfachen
Wirksamkeit unserer Landsleute daselbst würde Bände füllen;
wir können unsere ohnehin kurzen Erörterungen selbstverständ
lich nur auf diejenigen Gegenden beschränken, in welchem das
Deutschthum in besonders hervorragendem Maße vertreten ist.
Solche Gegenden sind: die deutschen Ostseeprovinzen,
das Königreich Polen, die Gouvernements St. Peters
burg, Kowno und Wolhynien, Südrußland, das
deutsche Kolonicngebiet an der Wolga in den Gouvernements
Saratow und Samara.
Die Stellung des deutschen Elementes in den Ostseepro-
vinzen Kurland, Livland und Esthland unterscheidet
sich wesentlich von derjenigen des Deutschthums im übrigen
Rußland, was in der eigenartigen Geschichte des Baltenlandcs
seine vollkommene Erklärung findet. Schon über 700 Jahre,
seitdem die Hanseaten und der deutsche Orden der Schwert-
ritt er die Eroberung des Landes theils auf friedlichem theils
auf kriegerischem Wege vollzogen, sitzen die Teutschen als Her-
ren in den Ostseeprovinzen und ihnen verdanken dieselben ihre
im Vergleich zum übrigen Rußland so hohe Kultur. Zeitweilig,