Übersicht der fremden Kultureinflüsse vom 16. bis ins 18. Jahrh. 11
hundert, als die genauere Kenntnis griechischer Tempelreste wie
die Ausgrabungen zu Herculaneum und Pompei zeigten, daß
weder Barock noch Rokoko den vollen Charakter des Baustils
der Alten getroffen hatten!
Sind so die Schwierigkeiten groß, so läßt sich doch schon
auf Grund der ungleichmäßigen Bekanntschaft des 16. bis
18. Jahrhunderts mit den unmittelbaren Überlieferungen der
antiken Kultur die Behauptung rechtfertigen, daß die mittel—
zuropäischen Nationen eine wirklich antike Renaissance der
Hauptsache nach nur auf literarischem Gebiete, auf künstle—
rischem dagegen wesentlich nur eine Rezeption der italie—
nischen Renaissance erlebt haben. Denn während sie sich der
schriftlichen Tradition der Antike nicht minder erfreuten, wie
die Italiener, fehlte ihnen deren unmittelbares Verhältnis zur
monumentalen Überlieferung, und ward es von ihnen in Reisen
ihrer Künstler nach Italien aufgesucht, so schob sich zwischen
die direkte Aufnahme des antik-künstlerischen Geistes und den
Künstler doch immer der ungleich lebendigere Eindruck der
großen italienischen Kunst überwältigend ein. Daher waren
denn alle Rezeptionen auf dem Gebiete der Künste ungleich mehr
italienischen als antiken Charakters.
Umgekehrt stand es für die literarische Kultur im weitesten
Sinne des Wortes; hier überwog die Antike. Nur daß deren
Rezeption im inneren Deutschland und in den Niederlanden
unter verschiedenen Bedingungen vor sich ging. Der deutsche
Humanismus gewann Dasein und Kraft schon im 15. Jahr⸗
hundert; er war der Geburtshelfer der geistigen Strömungen,
welche die Reformation trugen; und er ging an der Resor
mation zugrunde. Er waͤr nur anfangs durchaus schön⸗
geistig; bald sah er sich in die ungeheure Bewegung der
Kirchenspaltung hineingerissen, um zu verstummen oder politisch
und kirchlich agitatorisch zu werden, und so endete er schließlich in
der klassischen Philologie als unscheinbarer Diener und Untertan
einer neuen theologischen Herrschaft. Dabei bewahrte er sich
S. dazu Bd. VI, S. 180 ff.