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I. Buch. Production und Consumtion.
Achtes Kapitel.
Der Aufschwung und der Verfall der Nationen.
Die Familie bildet die Grundlage des Staates, der eben durch die Verviel
fältigung der Familien entstanden ist. In allen civilisirten Ländern, in welchen
ein gesundes Familienleben herrscht und sich nicht außerordentliche Heim
suchungen, wie Kriege oder Seuchen, einstellen, wird die Zahl der Geburten
die der Todesfälle alljährlich bedeutend übersteigen. Dieser Ueberschuß ist
natürlich je nach den Umstünden sehr verschieden, aber man wird der Wahr
heit nahe kommen, wenn man behauptet, daß er in gewöhnlichen Jahren nicht
weniger als zehn auf das Tausend der Gesamtbevölkerung betragen darf.
Hält er sich bedeutend unter diesem Verhältnisse, so ist etwas nicht in Ordnung,
entweder sind im Familienleben Schäden vorhanden, wie in den eine geringe
Zahl von Geburten aufweisenden Ländern, z. B. in Frankreich und in den
Neuenglandstaaten Nordamerikas, oder es herrschen schlimme Gesundheitsver
hältnisse, von welchen z. B. die hohen Ziffern der Sterblichkeitsstatistik von
Spanien und gewissen Theilen Indiens Zeugniß ablegen.
Wo derartige ungünstige Verhältnisse nicht bestehen, wird sich die Be-
völkerungszahl einer kräftigen Nation allein infolge des Ueberschusses der
Geburten über die Todesfälle jährlich um 10—20 vom Tausend vermehren,
und falls nicht eine starke Auswanderung oder eine große Katastrophe da
zwischentritt, in weniger als einem halben Jahrhundert verdoppeln.
In der That sind denn auch die europäischen Völker in den letzten
80 Jahren an Zahl schnell gewachsen, da Krieg, Pestilenz und Hungersnoth
während dieses Zeitraumes verhältuißmäßig feine sehr beträchtliche» Ver
wüstungen unter ihnen angerichtet haben. Ilnd dieses Wachsthum hat sich voll
ziehen können, obgleich in unserem Jahrhundert Millionen von Menschen in die
Neue Welt ausgewandert sind. In gewissen Theilen Amerikas hat infolge dieser
Emigrationsbewegung eine noch größere Bevölkerungszunahme stattgefunden.
So ist die Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten während der letzten
100 Jahre von ca. 4000 000 auf 62 000000 und diejenige Brasiliens von
weniger denn 1000 000 auf ungefähr 15 000 000 gestiegen. Andrerseits
ist das spanische Amerika fast ein halbes Jahrhundert lang bis etwa zum
Jahre 1870 durch Bürgerkriege verheert worden, und die beträchtliche Zu
nahme der Bevölkerung, die in einigen dazu gehörigen Ländern bemerkbar
war, hat erst seitdem ihren Anfang genommen. In Europa betrug der
Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle während der letzten Jahre durch
schnittlich in Oesterreich und Belgien 9 vom Tausend, in Italien 10, in
Ungarn 11, im Deutschen Reich und in Schweden 12, in England, Schott-